Sekundärer Diabetes infolge Pankreaserkrankungen häufiger als gedacht

Einer britischen, retrospektiven Kohorten-Studie zufolge sind Pankreaserkrankungen häufiger als gedacht Ursache von sekundärem Diabetes.

Sekundärer Diabetes infolge Pankreaserkrankungen häufiger als gedacht

Patienten, die sekundären Diabetes entwickeln, sollten öfter auf Pankreaserkrankungen untersucht werden. Britische Forscher haben aufgedeckt, dass verminderte Insulinproduktion häufig Folge von akuter und chronischer Pankreatitis, Pankreas-Neoplasien oder aber postoperativer Genese (Pankreas-Operationen) ist. Ihre Forschungsergebnisse aus einer Analyse von mehr als 2,3 Millionen erwachsenen Hausarzt-Patienten publizierten sie im Fachmagazin Diabetes Care (2017; DOI: 10.2337/dc17-0542).

Die Wissenschaftler der University of Surrey wünschen, dass ein neu manifestierter Diabetes nicht automatisch als Typ 2 Diabetes eingestuft und somit fehlklassifiziert wird. Prof. Simon de Lusignan, Senior Autor der Studie, sieht darin sogar eine Gefährdung der Patienten und mahnt: „In der Ärzteschaft ist unbedingt ein größeres Bewusstsein für Diabetes Typ 3c erforderlich, um das Management dieser Erkrankung zu verbessern.“

Auswirkungen von Pankreaserkrankungen auf den Insulinspiegel  

Nicht jeder neu manifestierte Diabetes mit reduzierter Insulinsekretion ist ein Diabetes Typ 1 oder Typ 2. Zuweilen ist der Ursprung erhöhter Blutzuckerspiegel als Folge von funktionseingeschränkten oder untergegangenen Betazellen in einem Diabetes Typ 3 bzw. einer Bauchspeicheldrüsen-Pathologie zu finden. Ein Mangel an pankreatischem Polypeptid aus den Langerhans-Inseln führt zu einer unzureichenden Innervation der hepatogenen Insulinrezeptoren. Daraus resultiert, im Gegensatz zu einem neu manifestierten Typ-1-Diabetes, beim Typ-3-Diabetes wie auch beim Typ-2-Diabetes eine Insulinresistenz. Zusätzlich sinkt die Glukagonproduktion der pankreatischen Alphazellen - mit der Gefahr schwerer Hypoglykämien.

Unterteilung Typ-3-Diabetes

Die Ursachen von Typ-3-Diabetes sind vielfältig. Je nach Erkrankung, genetischem Defekt oder hormoneller Störung gibt es Unterklassifizierungen. Diabetes Typ 3 wird unterteilt in:

  • Typ 3a (genetische Defekte der Betazellen, MODY)
  • Typ 3b (genetische Defekte in der Insulinwirkung)
  • Typ 3c (Pankreas-Erkrankungen oder Pankreas-Operationen)
  • Typ 3d (hormonelle Produktionsstörungen/Endokrinopathologien)
  • Typ 3e (Medikamente und Chemikalien)
  • Typ 3f (Viren)
  • Typ 3g (Autoimmunerkrankungen/immunvermittelter Diabetes)
  • Typ 3h (genetische Syndrome).

Studienergebnisse: Diabetes Typ 3c oft fehlklassifiziert

Dr. Chris Woodmansey und sein Team analysierten den Erkrankungs-Typ von 31.789 Patienten, die zwischen dem 1. Januar 2005 und 31. März 2016 neu an Diabetes erkrankten. Bei 559 Patienten (medianes Alter 59 Jahre) diagnostizierten sie Diabetes Typ 3c infolge einer Pankreaserkrankung (meist nach akuter Pankreatitis). Damit betrug der Anteil 1,8 Prozent. Der Anteil von neu manifestiertem Diabetes Typ 1 belief sich im Vergleich nur auf 1,1 Prozent. Die Inzidenz pro 100.000 Personenjahre betrug 2,59 für Diabetes-Typ-3c (KI: 95%, 2,38 – 2,81, p <0,001) vs. 1,64 (KI: 95%, 1,47 – 1,82, p <0,001) für Diabetes-Typ-1; verglichen mit einer Diabetes-Typ-2-Inzidenz von 143/100.000 Patientenjahre.

Von den 559 Typ-3c-Diabetes-Fällen wurden jedoch lediglich 2,7 Prozent richtig klassifiziert. 87,8 Prozent der Patienten wurden fälschlicherweise als Typ-2-Diabetes und 7,7 Prozent als Typ-1-Diabetes eingestuft.

Schlechtere Prognose für Typ-3c-Diabetes

Patienten mit Diabetes vom Typ 3c haben im Vergleich zum Typ 2 einen ungünstigeren Krankheitsverlauf. Ein Jahr nach Diagnosestellung war das Risiko für eine unzureichende glykämische Kontrolle (HbA1c ≥ 7) bei Typ-3c-Diabetikern um 30 Prozent und fünf Jahre später um 70 Prozent höher als bei Patienten mit Typ-2-Diabetes.
Zudem wurden 29,6 Prozent der Typ-3c-Patienten innerhalb von 5 Jahren nach der Diabetes-Diagnose insulinpflichtig. Bei den Typ-2-Diabetikern mussten im gleichen Zeitraum nur 4,1 Prozent Insulin spritzen. „Diabetes infolge einer Pankreaserkrankung wird oft als Diabetes Typ 2 klassifiziert, nimmt aber einen anderen Krankheitsverlauf mit schlechterer Blutzuckerkontrolle und höherem Insulinbedarf“, so das Resümee der Studienautoren.


Datum: 09.11.2017

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Quelle: Diabetes Care