Wie Senioren sicher reisen

Senioren – oder Best Ager - reisen gerne, viel und oft. Bei Vorerkrankungen müssen mitunter jedoch Dinge beachtet werden, beispielsweise eine Anpassung der Medikation, die Planung medizinischer Notwendigkeiten oder Besonderheiten des Gesundheitssystems im Urlaubsland. Mit der richtigen Beratung steht einem unbeschwerten Urlaub auch bei chronischen Krankheiten oft nichts mehr im Weg.

Senioren reisen

Aktive Senioren sieht man in nahezu jedem Urlaubsland. Ob relaxt am Strand in der Karibik, gediegen im Luxushotel in Saudi-Arabien, abenteuerlustig auf einer Safari im afrikanischen Dschungel oder bequem auf einem Kreuzfahrtschiff um die ganze Welt, die Generation 60+ ist zunehmend im Reisefieber. Best Ager - wie sich rüstige Rentner selbst gerne nennen – wollen heute die Welt entdecken. Nicht selten wünschen sie vorher von Ärzten und/oder Apothekern eine Beratung über medizinische Besonderheiten im jeweiligen Wunsch-Urlaubsziel. Beispielsweise müssen chronische Erkrankungen wie Diabetes, COPD und Herzinsuffizienz oder auch das im Alter erhöhte Risiko für Infektionen und Thrombosen schon vor Reiseantritt berücksichtigt werden. Nicht selten steht vor Flugreisen eine Beurteilung der Flugtauglichkeit an, Medikamentenlisten sind zu erstellen oder Dialyse-Termine zu planen. Medizinische Checklisten helfen, das Komplikationsrisiko auf Reisen zu verringern.

Reisen mit Diabetes

Reisen mit Diabetes ist glücklicherweise eine Selbstverständlichkeit geworden. In der Regel sind bei kurzen Städtetrips oder einem Strandurlaub im europäischen Ausland – und guter Blutzuckereinstellung – keine Schwierigkeiten zu erwarten. Medizinisch relevant sind hingegen Langstreckenflüge über mehrere Kontinente, mehrwöchige Urlaubsreisen, Reisen in Ländern mit extremen klimatischen Bedingungen oder außergewöhnlichen kulinarischen Gewohnheiten sowie Reisen mit ungewohntem Aktivitätsprofil. Infolge kann sich das Risiko für Stoffwechselentgleisungen, insbesondere für Hypoglykämien, erhöhen. Bei Langstreckenflügen und Fernreisen mit Zeitverschiebungen empfiehlt sich daher, den Blutzucker regelmäßig etwa alle 2 bis 3 Stunden zu kontrollieren – und gegebenenfalls Insulin nachzuspritzen oder eine Kleinigkeit zu essen. Dabei ist zu beachten, dass Insulin hitzelabil ist und dauerhaft bei bis zu maximal 25 Grad Celsius gelagert werden sollte. Bei anhaltenden Temperaturen über 30 Grad verringert sich sukzessive seine Wirksamkeit. In warmen Gefilden empfiehlt sich zur Mitnahme von Insulin deshalb eine Kühltasche oder eine andere Möglichkeit zum kühlen Aufbewahren (beispielsweise im Thermobehälter, der zuvor geöffnet im Kühlschrank gelegen hat und anschließend verschlossen wird).

Checkliste bei Diabetes

Diabetes-Patienten sollten vor und bei längeren Urlaubsaufenthalten oder auf Fernreisen über gewisse Vorsichtsmaßnahmen informiert werden. Die Einsichtnahme in die aktuellen Sicherheitsbestimmungen der jeweiligen Fluggesellschaft und Flughäfen sind dem Patienten ebenfalls zu empfehlen. Daneben helfen Checklisten, unerwünschte Ereignisse oder Komplikationen zu vermeiden.

Informationen vor Reiseantritt:

  • mindestens zwei Monate vor Reiseantritt Patienten zur HbA1C-Wert-Kontrolle einbestellen und bei Bedarf Blutzuckereinstellung korrigieren
  • Diabetikerausweis ausstellen, diabetische Besonderheiten wie diabetisches Fußsyndrom oder diabetische Retinopathie, Neuropathie und Nephropathie erfassen
  • Patienten über Vorsichtsmaßnahmen informieren (beispielsweise bei diabetischem Fußsyndrom prophylaktisch Rezept für Azithromycin oder Amoxicillin-Clavulansäure ausstellen und Patienten darauf hinweisen, nie barfuß zu laufen oder bei diabetischer Neuropathie erhöhtes Erfrierungsrisiko bei Aufenthalt in großen Höhen ansprechen)
  • ausreichend Antidiabetika, insbesondere Insulin, rezeptieren (empfohlen wird die Mitnahme der eineinhalbfachen, besser doppelten Insulin-Menge)
  • Insulinspritzen, Patronen, Pens etc. als Arzneimittel deklarieren und ärztliches Attest für Insulin-Equipment ausstellen, evtl. auch Insulinpass vom Insulinhersteller beziehen
  • auf Zeitverschiebungen und Insulin-Anpassungen hinweisen (Richtung Osten verkürzt sich der Tag und die Depot-Insulin-Wirkung hält länger an – infolge genügt meist eine geringere Menge des kurzwirksamen Insulins , Richtung Westen ist mitunter mehr Basal-Insulin nötig)
  • Messgerät intakt? (besser sind zwei Geräte), genügend Teststreifen vorhanden? (auf ausreichend lange Haltbarkeit achten!), möglichst alles in Originalkartonagen verpackt mitnehmen.

Das sollten Patienten während des Urlaubs beachten:

  • im Flugzeug möglichst auf Alkohol verzichten (Hypoglykämiegefahr)
  • jederzeit Glukose griffbereit halten
  • auf annähernd gleiche Kohlenhydrat-Zufuhr wie zu Hause achten
  • Blutzuckereinstellung bei unterschiedlichem Aktivitätsprofil absprechen
  • bei Zeitverschiebungen Mahlzeiten und Insulindosis anpassen (evtl. Zwischenmahlzeit und/oder Spätstück einplanen, Blutzucker insbesondere in den ersten zwei Urlaubstagen regelmäßig kontrollieren)
  • Umrechnungstabelle für Blutzuckerwerte mitführen (in vielen Ländern ist die gängige Maßeinheit mmol/l - und nicht wie in Deutschland mg/dl).

Reisen mit COPD

Je nach Ausprägung und Versorgungsmöglichkeiten können auch Patienten mit chronisch-obstruktiven Lungenerkrankungen in den Urlaub fahren. Vor einer Reise sollten jedoch fast zwingend ein Gesundheitscheck und eine Beurteilung der Reisefähigkeit erfolgen. Bei Flugreisen ist eine Bescheinigung der Flugunbedenklichkeit zu empfehlen. Zudem fordern einige Fluggesellschaften ein ausgefülltes Dokument über erforderliche Betreuungsleistungen und zu erwartenden Hilfebedarf (sogenanntes MEDA-Formular). Bei einer Langzeit-Sauerstofftherapie müssen die medizinischen Versorgungsmöglichkeiten im Urlaubszubringer bzw. auf einem Kreuzfahrtschiff geplant werden. Für die meisten COPD-Patienten sind Anfahrten mit dem Zug oder Auto besser zu meistern als mit einem Flugzeug. Patienten mit Lungenemphysem sollten über das erhöhte Risiko eines Pneumothorax während der Druckunterschiede bei Start und Landung informiert werden.

Checkliste COPD

Wird ein COPD-Patient als reisefähig eingestuft, sind folgende Vorsichtsmaßnahmen zu empfehlen:

  • Sauerstoff-Pass erstellen: Dokumentation der aktuellen Blutgaswerte und des derzeitigen Sauerstoffbedarfs
  • Demandfähigkeit testen und bescheinigen
  • Sauerstoffbedarf in unterschiedlichen Höhenmetern beachten (von Urlauben in Höhenlagen über 600 m ist bei Langzeit-Sauerstofftherapie abzuraten)
  • Urlaubsorte mit geringen Schadstoffbelastungen empfehlen
  • von Reisegebieten mit starkem Temperaturwechsel sowie heißem Klima mit hoher Luftfeuchtigkeit abraten
  • Abklärung mit der Krankenkasse, in welchem Umfang diese die Kosten während des Urlaubsaufenthalts, insbesondere im Ausland, übernimmt.

Reisen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Einen Schlaganfall oder Herzinfarkt im Urlaub zu bekommen ist für viele Senioren eine Horrorvorstellung. Diese Angst ist nicht unbegründet. Kardiovaskuläre Erkrankungen zählen tatsächlich zu den häufigsten Todesursachen im Urlaub. Die Gefahr ist in den ersten beiden Urlaubstagen besonders hoch. Übernachtungen in mobilen Unterbringungen wie Zelten, Wohnwagen oder Wohnmobilen erhöhen das Risiko noch zusätzlich. Deshalb sollten Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzugsweise bequem übernachten. Gerade zu Beginn des Urlaubs sollte ein Hotel/Hostel, eine Herberge oder Ferienwohnung vorgezogen werden.

Checkliste kardiovaskuläre Erkrankungen

Bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen gelten die folgenden Vorsichtsmaßnahmen:

  • kardiovaskulärer Check-Up 4 bis 6 Wochen vor Reiseantritt
  • unbehandelte Herzschwäche vor dem Urlaub grundsätzlich therapieren (gilt insbesondere für ausgeprägte, dekompensierte Herzinsuffizienz sowie Reisen in tropische Regionen oder Fernreisen)
  • Herzpatienten sollten möglichst nicht in Höhen von mehr als 2.500 m reisen (Abnahme der Koronarreserve 15% pro 1.000 Höhenmeter)
  • hitzelabilen Patienten mit schwer einstellbarem Blutdruck von Reisen in tropische Klimazonen oder schwül-warme klimatische Verhältnisse abraten (kardiale Leistung sinkt infolge permanent hohem Herzzeitvolumen)
  • starke Kälteexposition bei Arteriosklerose und Angina pectoris vermeiden (steigender myokardialer Sauerstoffverbrauch senkt Ischämieschwelle)
  • Urlaubs-Regionen mit kurzem Anfahrtsweg empfehlen; bei globaler Herzinsuffizienz und längerer Anfahrt TVT-Prophylaxe erwägen
  • Notfallmedikamente rezeptieren und Patienten über Einnahmeempfehlungen schulen
  • Angina pectoris: in Höhenlagen genügt aufgrund der hypoxiebedingten Vasodilatation oft nur 1 Hub Nitrospray
  • Herzinsuffizienz: bei starker Dehydration (Diarrhoe, starkes Schwitzen) evtl. ACE-Hemmer pausieren
  • Koronare Herzkrankheit: bei Flugreisen Sympathikusaktivierung beachten, ggf. Bedarfsmedikation empfehlen.

Erhöhtes Risiko für Infektionen und Thrombosen beachten

Mit zunehmendem Alter steigt altersphysiologisch das Risiko für Infektionen, Thrombosen und Thromboembolien. Tropenkrankheiten und exotische Erreger sind besonders gefürchtet. Auch Reisethrombosen sind vor Urlaubsreisen ein beliebtes Thema in Arztpraxen und Apotheken. Um Reiserisiken so gering wie möglich zu halten, sollten entsprechende Vorsichtsmaßnahmen - abhängig von der Urlaubsregion und Reiseroute – schon bei der Reiseplanung berücksichtigt werden.

Infektionsrisiko beachten

Im Alter verschlechtert sich die Immunitätslage. Neben dem erhöhten Infektionsrisiko steigt auch die Gefahr für Komplikationen. Mit fortschreitendem Lebensalter sinkt die T-Zell-Aktivität, Infekte verlaufen schwerer und heilen weniger rasch ab, nicht selten kommt es zu opportunistischen Begleiterkrankungen. Deshalb sollten ältere Patienten grundsätzlich – und insbesondere auf Reisen – über einen ausreichenden Impfschutz verfügen. Das gilt vor allem für die saisonale Grippeschutzimpfung sowie für Impfungen gegen Pneumokokken, Meningokokken und Haemophilus influenzae Typ B. Des Weiteren müssen natürlich die Impfempfehlungen für das jeweilige Urlaubsland beachtet werden. Ausführliche Informationen liefern die Seiten des Robert-Koch-Instituts (RKI).

Thromboseprophylaxe auf Reisen

Wenn ältere Menschen verreisen, muss das erhöhte Risiko für Thrombosen und Thromboembolien sowie pulmonal-embolische Komplikationen beachtet werden. Das gilt insbesondere für Reisen mit langen Anfahrtswegen und Risikopatienten. Stundenlanges Sitzen im Flieger, Auto, Bus oder Bahn sollte vermieden werden. Ist eine längere Anreise nicht zu umgehen helfen folgende Tipps, das Thromboserisiko zu senken:

  • Kompressionsstrümpfe Klasse 1-2
  • medikamentöse Thromboseprophylaxe bei Risikopatienten
  • nach anamnestischer Thrombose evtl. zeitlich befristete Antikoagulantiengabe erwägen
  • Patienten anhalten, häufig die Sitzposition zu wechseln und umherzulaufen und auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten (empfohlen werden etwa 150 ml pro Flugstunde).

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 04.06.2018

Quelle:
  • Reise-Analyse 2018, Erste Ergebnisse – So verreist Deutschland (www.reiseanalyse.de Stand 2018)
     
  • Senioren Lohmann M, Sierck A. Grimm B, Seniorenreise mit Zukunft – Aktuelle Daten und Trends zum Urlaubsmarkt der Best Ager, FUR Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. (Stand 2007)
     
  • Deutsche Gesellschaft für Seniorenberatung e.V. (Dgs-seniorenberatung.org)
     
  • COPD und Reisen mit Langzeit-Sauerstofftherapie - Informationen für Betroffene und Interessierte, herausgegeben vom COPD-Deutschland e.V. und der Patientenorganisation Lungenemphysem-COPD Deutschland (2016)
     
  • Jellinek T.; Kursbuch Reisemedizin: Beratung, Prophylaxe, Reisen mit Erkrankungen, Thieme Verlag, 25. April 2012
     
  • Gautret P, Gaudart J, Leder K, Schwartz E, Castelli F, Lim PM, Murphy H, Keystone J, Cramer J, Shaw M, Boddaert J, von Sonnenburg F, Parola P; GeoSentinelSurveillance Network: Travel associated illnesses in older adults (>60y). J Travel Med 2012
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