Zulassungsantrag von Siponimod angenommen

Die amerikanische und europäische Zulassungsbehörde haben den Zulassungsantrag für BAF312 (Siponimod) zur Behandlung der sekundär progredienten Multiplen Sklerose (SPMS) angenommen. Siponimod soll bei SPMS die Behinderungsprogression verlangsamen, die Schubrate vermindern und neue Entzündungsherde im zentralen Nervensystem reduzieren.

Multiple Sklerose

Sowohl die US-amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) als auch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) haben einer Pressemitteilung der Pharmafirma Novartis zufolge den Zulassungsantrag für BAF312 (Siponimod) zur Behandlung der sekundär progredienten Multiplen Sklerose (SPMS) akzeptiert. Der Wirkstoff soll einmal täglich oral eingenommen werden. Im Falle einer Zulassung stünde mit Siponimod das erste orale krankheits-modifizierende Medikament zur Verfügung, dass bei sekundär progredienter MS die Behinderungsprogression verlangsamen und so die Lebensqualität der Patienten verbessern würde.

Die Annahme des Zulassungsantrags basiert auf Ergebnissen der Phase-III-Studie EXPAND, die im Fachmagazin The Lancet publiziert wurde (2018; DOI: 10.1016/S0140-6736(18)30475-6). In den USA rechnet Novartis mit einem beschleunigten Zulassungsverfahren. In der Schweiz bewilligte Swissmedic das beschleunigte Zulassungsverfahren für BAF312 bei SPMS bereits. Darüber hinaus finden aktuell Gespräche mit weiteren Gesundheitsbehörden statt.

Über Siponimod

Siponimod wirkt als selektiver Modulator von spezifischen Subtypen des Sphingosin-1-Phosphat (S1P)-Rezeptors. Genauer bindet der Wirkstoff an den S1P1-Subrezeptor auf peripheren Lymphozyten. So wird verhindert, dass die Immunzellen in das zentrale Nervensystem (ZNS) von MS-Patienten rezirkulieren und Entzündungsherde verursachen.

Siponimod selbst kann die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Im ZNS bindet der Wirkstoff an den S1P5-Subrezeptor auf Oligodendrozyten und Astrozyten. Dadurch wird die Aktivität der schädigenden Zellen herabgesetzt. Präklinischen Studien zufolge wäre es denkbar, dass so eine synaptische Neurodegeneration verhindert und die Remyelinisierung im ZNS gefördert werden könnte.

Studienaufbau

Der Zulassungsantrag basiert auf Daten der randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Phase-III-Studie EXPAND. Diese verglich Wirksamkeit und Sicherheit von BAF312 (Siponimod) im Vergleich zu Placebo an Patienten mit typischer SPMS. Insgesamt nahmen 1.651 Probanden zwischen 18 und 60 Jahren teil. Die Studienteilnehmer waren bereits stark eingeschränkt. Zu Beginn der Studie benötigten mehr als 50 Prozent eine Gehhilfe.  

An den Untersuchungen waren 292 Krankenhauskliniken und spezialisierte Multiple-Sklerose-Zentren aus 31 Ländern beteiligt. Nach dem Zufallsprinzip (2:1) erhielten die Probanden einmal täglich 2 mg Siponimod oral (1.105) oder Placebo (556) für bis zu drei Jahre - oder bis zum Auftreten einer vorgegebenen Anzahl von bestätigten Behinderungsprogressionen (CDP). Im Schnitt nahmen die Probanden den Wirkstoff 18 Monate lang ein.

Ergebnisse der Studie

Siponimod reduzierte gegenüber Placebo das Risiko einer Behinderungsprogression - bestätigt nach drei Monaten Behandlung - um statistisch signifikante 21 Prozent (p = 0,013) und nach sechs Monaten um 26 Prozent (p = 0,0058). Weiterführende Analysen der EXPAND-Studie ergaben, dass Siponimod das Risiko einer Behinderungsprogression weitgehend unabhängig von Schüben reduzierte (nach drei Monaten bestätigte CDP: 14 bis 20 Prozent; nach sechs Monaten 29 bis 33 Prozent).

Darüber hinaus wirkt sich Siponimod günstig auf die Ergebnisse anderer relevanter Parameter zur MS-Krankheitsaktivität aus. Bildgebende Verfahren zeigen, dass sich unter Siponimod die Rate des Hirnvolumenverlusts nach einer zweijährigen Therapie um 23 Prozent verlangsamte (p = 0,0002).

Sekundär progrediente Multiple Sklerose

Die sekundär progrediente Multiple Sklerose ist durch eine fortschreitende irreversible Behinderungsprogression gekennzeichnet. Im Gegensatz zur schubförmig remittierenden Multiplen Sklerose (RRMS) verläuft SPMS weitgehend schubarm. Mehr als 80 Prozent der Patienten mit RRMS entwickeln im Krankheitsverlauf eine SPMS (mit oder ohne Schübe): 25 Prozent der Patienten nach 10 Jahren, 50 Prozent nach 20 Jahren und mehr als 75 Prozent nach 30 Jahren.

Die Behinderung schreitet kontinuierlich, weitgehend unabhängig von Schüben, fort. Viele Patienten können sich im Krankheitsverlauf nur noch mit Gehilfen fortbewegen oder sind auf Rollstühle angewiesen. Typischerweise leiden die Betroffenen an Blasenfunktionsstörungen und kognitiven Einschränkungen.

Fazit

Bislang sind die therapeutischen Möglichkeiten bei Patienten mit sekundär progredienter Multiplen Sklerose defizitär. Laut Prof. Lothar Färber, Medizinischer Direktor von Novartis Pharma, ist BAF312 (Siponimod) die erste zur Zulassung eingereichte Substanz, die bei typischen SPMS-Patienten das Fortschreiten der Erkrankung signifikant verzögern kann. „Mit BAF312 untermauern wir erneut unser starkes Engagement für die MS-Community. Die Substanz hat das Potenzial, für die Behandlung von Menschen, deren Leben durch die verheerende Erkrankung erheblich beeinträchtigt wurde, neue Perspektiven zu eröffnen. Wir arbeiten eng mit der FDA und der EMA zusammen, um sicherzustellen, dass BAF312 so schnell wie möglich für Patienten verfügbar ist“, so Färber.

Möglicherweise stellt Siponimod tatsächlich einen Meilenstein in der Therapie der sekundär progredienten Multiplen Sklerose dar. Noch bleibt aber abzuwarten, ob sich die Effekte auch langfristig auswirken.

Autor: Dr. Christian Kretschmer

Stand: 31.10.2018

Quelle:

Novartis Pharma, Pressemitteilung vom 25. Oktober 2018: Novartis gibt Annahme des Zulassungsantrags durch FDA und EMA für BAF312 (Siponimod) zur Behandlung der SPMS bekannt

Kappos L, Cree B, Fox R, et al. Siponimod versus placebo in secondary progressive multiple sclerosis (EXPAND): a double-blind, randomized, phase 3 study. Lancet. Published online March 22, 2018

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