Tuberkulose: WHO warnt vor Resistenzen

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor Tuberkulose-Erkrankungen mit multiresistenten Erregern. Alarmierend sind zudem die unterschiedlichen Behandlungsstrategien innerhalb Europa.

Lunge

Weltweit wird eine Zunahme von Tuberkulose-Fällen registriert. Besonders besorgniserregend sind Erkrankungen mit resistenten Krankheitserregern. Bei der sogenannten multiresistenten Tuberkulose (MDR-TB) wurde in den vergangenen fünf Jahren eine Zunahme von durchschnittlich 20 Prozent pro Jahr verzeichnet. Laut WHO liegt die Chance auf eine erfolgreiche Therapie international bei etwa 50 Prozent, die Heilungsraten sind noch niedriger. Die mitunter sehr geringen Behandlungserfolge bei MDR-TB beschäftigen Wissenschaftler der Tuberculosis Network European Trialsgroup (TBNET) bereits seit Jahren. In einer aktuellen Studie wurde erstmalig die Versorgung von MDR-TB-Patienten in 16 europäischen Ländern beurteilt. Ihre Ergebnisse publizierten die Forscher im American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine (2018; DOI: 10.1164/rccm.201710-2141OC).

Tuberkulose – mehr als 4.500 Tote pro Tag

Auch heute noch ist Tuberkulose eine gefährliche Infektionskrankheit. Im Jahr 2016 erkrankten mehr als 10 Millionen Menschen, nahezu 1 Millionen von ihnen verstarben. Krankheitserreger ist das von Robert Koch identifizierte Mycobacterium tuberculosis. Von dessen Existenz weiß man seit nunmehr 136 Jahren. Da Koch seine Entdeckung am 24. März 1882 bekannt gab, wurde dieses Datum zum Welt-Tuberkulose-Tag gewählt. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts stehen effektive Antituberkulotika zur Verfügung - dennoch sterben pro Tag weltweit mehr als 4.500 Patienten, insbesondere solche mit MDR-TB.

In der prospektiven Kohortenstudie wurden Behandlungsverläufe von 380 Patienten mit einer MDR-TB an 23 Kliniken in 16 europäischen Ländern verglichen. Das Beobachtungsfenster erstreckte sich vom Zeitpunkt der Diagnosestellung bis ein Jahr nach Therapieende.

Unterschiedliche Behandlungen in Ost- und Westeuropa

Im europäischen Vergleich sind osteuropäische Länder wie Weißrussland und Moldawien Hochinzidenzgebiete für MDR-TB. Gerade hier wäre eine zeitnahe Therapie angezeigt. Der Studie zufolge müssen Patienten in diesen Ländern jedoch oft bis zu zwei Monate länger auf eine Behandlung warten als ihre westeuropäischen Nachbarn (im Median 111 vs. 28 Tage). Auch die Therapieansätze unterscheiden sich. Wird in Westeuropa erst das Ergebnis der Antibiotikaresistenzprüfung abgewartet – und die Behandlung entsprechend angepasst, erhalten osteuropäische Patienten oft noch ein festes Standardregime (9,9 vs. 83,2 Prozent). Dabei ist bekannt, dass einige der früheren Standardtherapeutika heute schon nicht mehr wirken. Beispielsweise sprachen nur 20,1 Prozent der Patienten, die Pyrazinamid erhielten, auf das Medikament an. Darüber hinaus kommt es bei einer normierten Behandlung etwa viermal häufiger zu neuen, zusätzlichen Antibiotikaresistenzen als bei einer individuell angepassten Medikamentengabe (23 vs. 5,8 Prozent).

Therapieerfolge besser als vermutet

Die Wissenschaftler stellten fest, dass die Heilungs-Chancen bei MDR-TB insgesamt besser waren als erwartet. Dennoch gab es Unterschiede zwischen Ost- und Westeuropa. So musste die Therapie bei 24,1 Prozent der osteuropäischen Patienten als unbefriedigend eingestuft werden. In Westeuropa versagte die Therapie nur bei 14,6 Prozent der MDR-TB-Patienten. Zudem war das Risiko, an einer multiresistenten Tuberkulose zu sterben, in den osteuropäischen Hochinzidenzländern etwa fünf Mal so hoch wie in Westeuropa (9,4 vs. 1,9 Prozent). „Die Unterschiede in der Versorgung von Tuberkulosepatienten sind innerhalb Europas gravierend. Die am meisten betroffenen Länder haben die geringsten Ressourcen für die Prävention, Diagnostik und Therapie“, resümiert Prof. Dr. Christoph Lange, Tuberkulose-Spezialist am Forschungszentrum Borstel. Lange weiter: „Hier gibt es konkreten Handlungsbedarf, den europäischen Nachbarn zu helfen.“

Individualisierte Therapie erhöht Heilungschancen

MDR-TB ist mit modernen Antituberkulotika und ressourcenoptimierten Therapieregimen gut zu behandeln. Das zeigen die Therapieerfolge in westeuropäischen Ländern. Eine Ausweitung dieser Behandlungsstrategien auf Hochinzidenzgebiete wäre wünschenswert. Dann sollten sich auch dort die Chancen auf eine effiziente Behandlung der MDR-TB erhöhen. Wie gut sich eine individuell angepasste Therapie auswirkt, zeigten unlängst Forscher des Tuberkulose-Forschungsbereichs am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung e.V. Sie stellten fest, dass sich die Heilungschancen von Patienten mit einer MDR-TB und einer individualisierten Therapie aktuell nicht mehr von den Heilungschancen bei Patienten mit nicht-resistenten Tuberkulosebakterien unterscheiden (2018; DOI: 10.1183/13993003.02122-2017). Dennoch gibt das Robert-Koch-Institut zu bedenken, dass Tuberkulose auch für Deutschland eine Herausforderung bleibt. Es sei wichtig, dass Ärzte auch in der heutigen Zeit wachsam bleiben und bei Symptomen wie länger anhaltendem Husten, Nachtschweiß, Fieber und ungewollter Gewichtsabnahme immer auch an Tuberkulose denken.

Autor: Dr. Christian Kretschmer

Stand: 27.03.2018

Quelle:

Forschungszentrum Borstel - Leibniz Lungenzentrum 

Deutsches Zentrum für Infektionsforschung e.V. (DZIF) - Forschungsbereich Tuberkulose

American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine, 06. März 2018, Clinical management of multidrug-resistant tuberculosis in 16 European countries

European Respiratory Journal, 21. Februar 2018, Relapse-free cure from multidrug-resistant tuberculosis in Germany

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