Krebs Chemotherapie

Hintergrund

Das zentrale Ziel der Palliativmedizin ist es, eine möglichst gute Lebensqualität für unheilbar kranke Patienten zu gewährleisten. Behandlungsmethoden und Medikation sollen in erster Linie dem Wohlbefinden und unter Umständen auch dem Erhalt einer größtmöglichen Selbstständigkeit des schwer kranken Patienten dienen. Medikamente, die diese Kriterien nicht erfüllen und womöglich Nebenwirkungen verursachen, die die Lebensqualität der Palliativpatienten beeinträchtigen, sollten abgesetzt werden.

Übermedikation in der Geriatrie

In der Geriatrie ist die Übermedikation insbesondere bei multimorbiden Patienten ein weit verbreitetes Problem. Dabei sollte gerade bei älteren Patienten die Auswahl der verordneten Medikamente besonders kritisch erfolgen und stets hinterfragt werden, denn eine möglicherweise eingeschränkte Stoffwechselleistung im Alter erhöht des Risikos von Arzneimittelnebenwirkungen. Darüber hinaus besteht bei der Polymedikation multimorbider Patienten auch ein hohes Risiko von Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Arzneimitteln. Eine Studie in den USA hat nun untersucht, ob es auch in Hospiz bei Palliativpatienten zu einer Übermedikation kommt.

Zielsetzung

Die Studie ging der Frage nach, wie häufig Medikamente nach der Einweisung in ein Hospiz verordnet werden, die nur begrenzten Nutzen (limited benefit medications [LBMs]) hinsichtlich der Lebensqualität von Palliativpatienten haben. Darüber hinaus untersuchte die Studie, welche Faktoren eine Übermedikation begünstigen.

Methodik

Die Forscher analysierten Datensätze der SEER-Datenbank (SEER = Surveillance, Epidemiology and End Results) von Medicare, der öffentlichen Krankenversicherung der USA für ältere oder behinderte Bürger. Insgesamt wurden über 70.000 Datensätze von Medicare-Begünstigten im Alter ≥ 66 Jahren ausgewertet, die zwischen dem 1. Januar 2008 und dem 31. Dezember 2013 in ein Hospiz aufgenommen wurden und dort verstarben.

Schwerpunkte der Analyse

In die Analyse einbezogen wurde die Medikation der Patienten in den sechs Monaten vor der Aufnahme ins Hospiz bis zu ihrem Tod im Hospiz. Als Medikamente mit geringem palliativem Nutzen wurden insbesondere folgende Wirkstoffgruppengruppen betrachtet:

Ermittelt wurden der Anteil der Patienten, der nach der Hospizaufnahme weiterhin eine Übermedikation erhielt, und die Risikofaktoren für die Überbehandlung.

Ergebnisse

Rund 30% der Palliativpatienten nahmen auch nach der Einweisung ins Hospiz mindestens ein Medikament mit begrenztem Nutzen (LBM) ein. Am häufigsten wurden weiterhin Antidementiva (29,3%) am wenigsten häufig Wirkstoffe gegen Osteoporose (14,1%) eingesetzt. Im Vergleich zu Patienten mit Palliativbehandlung zuhause war der Einsatz von LBMs in Hospizen und betreutem Wohnen sogar höher. In Hospizen mit Fachpersonal lag das relative Risiko (RR) bei 1,25 (95% Konfidenzintervall [CI] 1,20-1,29), in Hospizen mit ungeschulten Pflegekräften bei RR 1,29 (95% CI 1,25–1,32) und in Einrichtungen des betreuten Wohnens bei RR 1,28 (95% CI 1,24–1,32).

Fazit

Die Studienautoren kommen zu dem Schluss, dass Palliativpatienten in Hospizen zu häufig Medikamente mit für sie begrenztem Nutzen erhalten. Sie fordern, dass die Medikamentenverordnung in der Palliativmedizin mehr an den individuellen Bedürfnissen des Patienten orientiert sein müsse (Patientenzentrierte Medizin).

Autor: Barbara Welsch (Medizinjournalistin)

Stand: 19.08.2019

Quelle:
  1. Zueger et al. (2019): Older Medicare Beneficiaries Frequently Continue Medications with Limited Benefit Following Hospice Admission. J Gen Intern Med. DOI: 10.1007/s11606-019-05152-x