Unnötige Arzneimittelverordnungen nach Klinikaufenthalten

Nach stationären Aufenthalten erhöht sich die Rate unnötiger Arzneimittelverordnungen vor allem bei Senioren. Zu diesem Ergebnis kam eine groß angelegte irländische Studie. Abhilfe könnte eine verbesserte Kommunikation zwischen Klinik-Ärzten und niedergelassenen Kollegen schaffen.

Blister Medikament

Eine Polypharmazie mit überflüssigen Medikamenten muss insbesondere bei älteren Menschen verhindert werden. Dieses Risiko besteht häufig nach Klinikaufenthalten. Einer retrospektiven Großstudie aus Irland zufolge steigt die Rate an unangemessenen Verschreibungen nach stationären Aufenthalten stark an. Betroffen sind vor allem geriatrische Patienten. Die Studienautoren fordern deshalb eine bessere Kommunikation zwischen Klinik-Ärzten und niedergelassenen Kollegen. Elektronische Medikationspläne helfen beispielsweise dabei, unnötige Verordnungen zu vermeiden, das Wechselwirkungsprofil zu entschärfen und die Dauer von Verschreibungen zu optimieren.

Fehlmedikation: Senioren gefährdet

Die meisten älteren Menschen über 65 Jahren leiden an Mehrfacherkrankungen. Diese Multimorbidität erfordert häufig ein breites Spektrum an Medikamenten. Je mehr Arzneimittel eingenommen werden, umso sorgfältiger müssen die erforderliche Anwendungsdauer und das Risiko von Wechselwirkungen beachtet werden. Der Leitgedanke, nur so viel, wie unbedingt nötig zu verschreiben, ist vor allem bei betagten Menschen zu berücksichtigen. Die Einhaltung gelingt in machen Situationen aber nur suboptimal. Gerade wenn mehrere Fachdisziplinen an der Versorgung des Patienten beteiligt sind, steigt das Risiko von Doppel-, Mehrfach- und Fehlmedikationen. Ursache dafür ist häufig ein unzureichender interdisziplinärer Informationsfluss. Zu diesem Ergebnis kam das Forscherteam einer retrospektiven irischen Längsschnittstudie [1].

Studienaufbau

Ein Forscherteam aus Irland untersuchte digitale Krankenakten aus 44 irischen Allgemeinarztpraxen im Hinblick auf möglicherweise unangemessene Verordnungen verschreibungspflichtiger Medikamente. In die Auswertung flossen Datensätze von 38.229 Patienten im Alter von 65 Jahren und darüber ein. Das mittlere Lebensalter lag zu Studienbeginn bei 76,8 Jahren, 43% (13.212) der Probanden waren Männer. Zwischen den Jahren 2012 und 2015 analysierten die Wissenschaftler jährlich das Potential für unsachgemäße Verschreibungen. Zudem wurde das Morbiditätsrisiko der Patienten mit Hilfe des RxRisk-Komorbiditäts-Scores ermittelt.

Die Beurteilung der Medikation als „angemessen“ oder „nicht angemessen“ erfolgte nach dem Screening Tool of Older Person’s potentially inappropriate Prescribing, den sogenannten STOPP-Kriterien. Die novellierte Fassung (Version 2) beinhaltet einen Katalog von 80 Beurteilungskriterien. In der vorliegenden Studie konnten aufgrund des sekundären Studiencharakters jedoch nur 45 davon herangezogen werden.

Klinikaufenthalt führt zu unangemessener Verschreibung

Unabhängig von Alter, Geschlecht, Anzahl der verschriebenen Arzneimittel, Komorbidität und Krankenversicherung war die Krankenhausaufnahme mit einer höheren Rate an unterschiedlichen, potenziell unangemessenen Verschreibungskriterien verbunden. Die Gesamtprävalenz mutmaßlich unnötiger Verordnungen reichte von 45,3% (13.940/30.789) der Patienten im Jahr 2012 bis 51% (14.823/29.077) im Jahr 2015. Vereinfacht gesagt erhielt etwa jeder zweite Patient Medikamente, die diskussionswürdig  waren oder zu lange gegeben wurden.

Jährlich wurden zwischen 10,4 und 15% der Patienten mindestens einmal stationär aufgenommen. Bei diesen Patienten stieg das Risiko einer inadäquaten Arzneimittelverordnung nach dem Klinikaufenthalt um 72% an. Frauen waren häufiger betroffen als Männer. Ein Zusammenhang unangemessener Verschreibungsereignisse wurde ebenfalls beobachtet, wenn eine größere Anzahl von Rezepten mit verschreibungspflichtigen Medikamenten im Umlauf war. Abhilfe könnten beispielsweise Datenbanken schaffen, die von Patienten wie Ärzten gleichermaßen genutzt werden.

Canadian Deprescribing Network

Eine Datenbank, die elektronische Medikationspläne verwaltet, ist das Canadian Deprescribing Network (CaDeN), [2]. Ziel dieser Plattform ist es, die Medikamentenbelastung oder -schädigung zu reduzieren und gleichzeitig die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Nach Eingabe aller verordneten und von den Patienten tatsächlich angewandten Arzneimittel ist es möglich, die Anwendungsdauer medikamentöser Therapien zu begrenzen und unnötig verschriebene oder potentiell gefährliche Arzneimittel abzusetzen.

Protonenpumpenhemmer, Benzodiazepine und Hypnotika

Im Detail wurden Protonenpumpenhemmer zur Behandlung einer unkomplizierten Ulkuserkrankung bzw. einer erosiven Ösophagitis in maximaler therapeutischer Dosierung über einen Zeitraum von mehr als acht Wochen (26,9%) verabreicht. Medikamente, die über die empfohlene Dauer hinaus für mindestens vier Wochen verordnet wurden waren mit 19,1% Benzodiazepine und mit 13,7% Z-Hypnotika wie Zolpidem und Zopiclon.

Schlussfolgerung

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass neben einem höheren Alter und der damit assoziierten Multimorbidität vor allem die Einweisung in eine Klinik mit einem höheren Risiko von Verschreibungen assoziiert ist, die potenziell unnötig sind oder zu lange verordnet werden. Diese Beziehungen waren über die Studienjahre hinweg konsistent und hielten auch verschiedenen analytischen Ansätzen hinsichtlich Sensitivitätsanalysen stand.

Eine Kausalität ist mit der retrospektiven Longitudinalstudie jedoch nicht bewiesen. Möglicherweise wurden nach einem Krankenhausaufenthalt auch mehr Medikamente verschrieben, weil die Patienten kränker waren als Patienten, die nur ambulant betreut wurden. Dennoch fordern die Studienautoren Klinikärzte dazu auf, Indikationen und Verschreibungen genauer zu dokumentieren und über die Anwendungsdauer mit den weiterbehandelnden ambulanten Kollegen zu kommunizieren. Mit diesem Dialog wird ein vollständiger Überblick über das individuelle Therapiemanagement gewährleistet.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 03.12.2018

Quelle:
  1. Pérez et al. (2018): Prevalence of potentially inappropriate prescribing in older people in primary care and its association with hospital admission: longitudinal study. BMJ, DOI: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.k4524
     
  2. Canadian Deprescribing Network (CaDeN)
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