Neueinführung Temopen

Temopen ist ein neues Temocillin-haltiges Beta-Lactam-Antibiotikum zur Therapie von Patienten mit komplizierten Harnwegsinfektionen (einschließlich Nierenbeckenentzündung), Bakteriämie, Infektionen der unteren Atemwege und Wundinfektionen.

Petrischale mit Erregern

Was ist Temopen und wofür wird es angewendet?

Temopen ist ein neues Arzneimittel der Firma Eumedica mit dem Wirkstoff Temocillin (6-Methoxy-Ticarcillin), das zum 01.10.2019 in Deutschland verfügbar sein wird. Das Beta-Lactam-Antibiotikum wird angewendet für die Behandlung von komplizierten Harnwegsinfektionen (einschließlich Nierenbeckenentzündung), Bakteriämie, Infektionen der unteren Atemwege und Wundinfektionen. Das Antibiotikum Temocillin weist eine außergewöhnliche Resistenz gegenüber den meisten Beta-Lactamasen auf. In diesem Zusammenhang wird es zunehmend als Carbapenem-sparendes Antibiotikum bei Infektionen mit Enterobactreriaceae eingesetzt, wenn der Verdacht besteht, dass sie Beta-Lactamasen mit erweitertem Spektrum produzieren. Molekulare Docking-Studien haben die Rolle des α-Methoxyrestes von Temocillin aufgeklärt: Insbesondere blockiert er den Eintritt eines Wassermoleküls in den Hohlraum des aktiven Zentrums der Beta-Lactamase und verhindert so die Aktivierung von Serin und die chemischen Ereignisse, die zur Hydrolyse führen. Der Preis der so gewonnenen Beta-Lactamase-Stabilität ist jedoch, dass die Bindung von Temocillin an viele Penicillin-bindende Proteine ebenfalls beeinträchtigt ist, was die mangelnde Aktivität gegen grampositive Bakterien erklärt.

Hintergrund

Temocillin wurde in den 1980er Jahren von Beecham Pharmaceuticals in Großbritannien entwickelt und zum ersten Mal vermarktet. Sein Einsatz war jedoch bald rückläufig, da ein Hauptnachteil die mangelnde Wirksamkeit gegenüber grampositiven Organismen, Anaerobiern und Pseudomonas aeruginosa ist. Was jedoch nicht in Betracht gezogen wurde - obwohl von klinischen Mikrobiologen geschätzt - ist Temocillins bemerkenswerte Beta-Lactamase-Stabilität. Insbesondere ist Temocillin gegenüber allen klassischen und erweiterten TEM-, SHV- und CTX-M-Enzymen sowie gegenüber AmpC- Beta-Lactamase stabil. Es ist instabil gegenüber der chromosomalen Metallo-Beta-Lactamase von Chryseobacterium meningosepticum.

Bislang ist Temocillin unter dem Namen Negaban in Belgien, Luxembourg, Frankreich und Großbritannien zugelassen.

Sowohl die European Medicines Agency (EMEA) als auch die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) haben Temocillin Orphan Drug-Status für die Behandlung von Infektionen vergeben, die durch Burkholderia cepacia bei Patienten mit Mukoviszidose verursacht werden.

Wie wird Temopen angewendet?

Temopen kann als Infusion oder als Injektion direkt in eine Vene oder einen Muskel verabreicht werden. Der Wirkstoff wird als 1 g und 2 g Pulver zur Herstellung einer Injektions- oder Infusionslösung verfügbar sein. Die Lagertemperatur beträgt 2 bis 8°C.

Intravenöse Applikation: Temopen kann langsam über 3 bis 4 Minuten injiziert werden, als intravenöse Infusion über 30 bis 40 Minuten oder in Form einer kontinuierlichen Infusion über 24 Stunden verabreicht werden.

Dosierung

Die Dosierung richtet sich nach der Art und Schwere der Infektion, nach der Nierenfunktion und bei Kindern nach dem Körpergewicht.
Die übliche Dosis von Temocillin beträgt 4 g pro Tag aufgeteilt in 2 Applikationen oder als kontinuierliche Infusion.
Temocillin sollte durch langsame Injektion in die Vene (3 bis 4 Minuten) oder als intravenöse Infusion über einen Zeitraum von 30 bis 40 Minuten verabreicht werden.
Eine kontinuierliche intravenöse Infusion von Temocillin kann in Betracht gezogen werden, wenn die therapeutischen Ziele bei intermittierenden Verabreichungen schwer zu erreichen sind. Vor Beginn der kontinuierlichen Infusion sollte eine Beladungsdosis von 2 g verabreicht werden.
Bei schweren Infektionen wird eine höhere Dosis von 6 g pro Tag  empfohlen, die über drei Applikationen verabreicht werden soll.

Anwendung bei eingeschränkter Nierenfunktion

Temocillin wird hauptsächlich in unveränderter Form renal ausgeschieden. Die Ausscheidung ist bei eingeschränkter Nierenfunktion reduziert und die Halbwertszeit ist entsprechend der Schwere der eingeschränkten Nierenfunktion erhöht. Bei mittelschwerer und schwerer Niereninsuffizienz sind Dosisanpassungen gemäß der Fachinformation erforderlich.

Wie wirkt Temopen?

Das Beta-Lactam-Antibiotikum Temopen hemmt die Synthese der Peptidoglycanschicht von Bakterienzellwänden. Beta-Lactam-Antibiotika binden irreversibel an das aktive Zentrum spezifischer Transpeptidasen und Carboxypeptidasen und verhindern so die Peptidoglycan-Produktion.

Resistenz-Mechanismus:

Temocillin ist gegenüber den meisten Beta-Lactamasen stabil, einschließlich der meisten AmpC- und Extended Spectrum-Beta-Lactamasen. Die einzigen vermuteten Resistenzmechanismen gegenüber Temocillin sind die Undurchlässigkeit der Außenmembran oder der aktive Efflux.

Gegenanzeigen

Temocillin darf nicht angewendet werden bei einer bekannten Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff oder bei bekannter allergischer Reaktion auf andere Antibiotika aus der Beta-Lactam-Familie wie Penicilline, Cephalosporine, Carbapeneme oder Monobactame.

Nebenwirkungen

Unter der Anwendung von Temocillin kann es, wie typisch für injizierbare Penicilline, zu Durchfall, Schmerzen an der Injektionsstelle, Hautausschlag, Urtikaria oder Erythematose kommen.

Bestimmte Reaktionen wie Fieber, Arthralgie oder Myalgie treten manchmal mehr als 48 Stunden nach Beginn der Behandlung auf. In diesem Fall muss die Behandlung abgebrochen und eine andere geeignete Antibiotikatherapie eingeleitet werden.

Gemeinsam mit anderen Beta-Lactam-Antibiotika wurde über Angioödeme und Anaphylaxie berichtet.
Bei intravenöser Gabe von Beta-Lactam-Antibiotika besteht ebenfalls das Risiko einer Venenentzündung und Thrombophlebitis, jedoch in geringerem Maße bei Temocillin.

Wechselwirkungen

Es sind keine Wechselwirkungen angegeben, doch es wird generell empfohlen bakterizide und bakteriostatische Antibiotika nicht miteinander zu kombinieren.

Studienlage

Präklinische Daten zur Sicherheit, basierend auf konventionellen Studien zur Sicherheitspharmakologie, zur Toxizität bei einmaliger und wiederholter Gabe, zur mutagenen Toxizität und zur Toxizität für Fortpflanzung und Entwicklung, lassen keine besonderen Gefahren für den Menschen erkennen.
 

Autor: Dr. Isabelle Viktoria Maucher (Apothekerin)

Stand: 27.09.2019

Quelle:
  1. Emc Negaban
  2. Journal of Antimicrobial Chemotherapy, Temocillin revived
  3. Drugbank Temocillin
  4. Gebrauchsinformation Negaban
  5. Medicinal product information
  6. Kucers' The Use of Antibiotics
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