ALS durch Antibiotika?

Eine häufige Einnahme von Antibiotika könnte das Risiko für eine amyotrophe Lateralsklerose erhöhen. Das legen die Ergebnisse einer großen Fall-Kontroll-Studie des Karolinska-Instituts in Stockholm nahe.

Behinderung

Die Aufmerksamkeit für die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist durch prominente ALS-Patienten wie den Physiker Stephen Hawking oder den Maler Jörg Immendorf in den letzten Jahren verstärkt worden. Dennoch ist die ALS mit einer Prävalenz von 3-8 Erkrankten pro 100.000 Personen selten. Die Ursache für diese Degeneration der Motoneurone ist nach wie vor unklar.

ALS-Risiko für Profi-Fußballer

Möglicherweise besteht eine genetische Disposition. Bei Patienten, die ALS vor dem 45. Lebensjahr entwickeln, könnten wiederholte Kopf-Verletzungen eine Rolle spielen – dies legen Studien an italienischen Profi-Fußballern nahe, da bei ihnen die Prävalenz erhöht ist [1].

Gehäufter Antibiotika-Einsatz als Risiko

Einem weiteren Risikofaktor sind nun schwedische Forscher auf der Spur: gehäuftem Antibiotika-Einsatz. In Tierversuchen hatten sich Hinweise ergeben, dass das durch Antibiotika gestörte Mikrobiom des Darmes die Entstehung von ALS fördern könnte. Um diesen Hinweisen beim Menschen nachzugehen, hat das  Team des renommierten Karolinska-Instituts unter der Leitung von Dr. Fang Fang die Daten von 2.484 schwedischen ALS-Patienten und 12.420 gesunden Personen in einer speziellen Fall-Kontrollstudie (nested case) ausgewertet. Dabei wurden die Daten von jeweils einem Patienten mit fünf Gesunden, die sich in Geschlecht, Geburtsjahrgang und Wohnort entsprachen, verglichen. Die Daten stammten aus den nationalen schwedischen Gesundheitsregistern der Jahre 2006 bis 2013 [2].

Signifikanzniveau nur bei Betalaktamase-empfindlichem Penicillin

Das Ergebnis: Insgesamt ergab sich tatsächlich ein Trend für ein gesteigertes ALS-Risiko durch Antibiotika, wobei sich das Risiko mit der Zahl der Antibiotika-Verordnungen steigerte. Die Werte für die Odds Ratio betrugen beim Vergleich von keiner Verordnung zu:

  • einer Verordnung 1,06 (95% Konfidenzintervall [CI] 0,94-1,19),
  • zwei bis drei Verordnungen 1,13 (95% CI 1,00-1,28)
  • und mindestens vier Verordnungen 1,18 (95% CI 1,03-1,35).

Dabei wurde kein Unterschied für die Indikation der Antibiotikaverordnung gefunden: Bei Atemwegs-, Harnwegs-, Haut- oder Weichteilinfektionen waren die Ergebnisse ähnlich. Im Hinblick auf die Wirkstoffklassen der Antibiotika  ergab sich allerdings durchaus ein Unterschied: Nur beim Betalaktamase-empfindlichen Penicillin wurde eine statistisch signifikante Assoziation festgestellt, insbesondere bei mehr als zwei Verordnungen (OR=1,28; 95% CI 1,10-1,50).

Kausalzusammenhang muss in weiteren Studien bewiesen werden

Die schwedischen Forscher betonen, dass sich bei ihrer Studie zwar eine Assoziation zwischen wiederholtem Antibiotika-Gebrauch und der Diagnose ALS feststellen ließ. Um allerdings die Antibiotika als Mitursache für die ALS-Entstehung zu beweisen, müssten weitere Studien folgen.

Autor: Angelika Ramm-Fischer (Ärztin)

Stand: 27.06.2019

Quelle:
  1. Chio et al. (2005): Severely increased risk of amyotrophic lateral sclerosis among Italian professional football players. Brain, DOI: https://doi.org/10.1093/brain/awh373
     
  2. Sun et al. (2019): Antibiotics Use and Risk of Amyotrophic Lateral Sclerosis in Sweden. Eur J Neurol., DOI: https://doi.org/10.1111/ene.13986
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