Schmerzen bei Demenz erkennen

Viele Menschen mit Demenz können Schmerzen nur noch unzureichend oder gar nicht mehr äußern. Bestimmte Verhaltensweisen deuten aber auf Schmerzen hin. Kognitiv eingeschränkte Menschen zeigen beispielsweise mit typischen Bewegungsmustern, dass ihnen etwas weh tut.

Demenz

Demenz-Patienten und Schmerzen ist ein schwieriges Thema im praktischen und klinischen Alltag. Dass auch dementielle Patienten Schmerzen empfinden, steht außer Frage. Bislang wurde aber nicht zweifelsfrei verstanden, wie diese geäußert werden.

Die Problematik, wie Menschen mit kognitiven Defiziten Schmerzen zeigen, war vor kurzem Gegenstand einer Untersuchung von Professor Liv Inger Strand von der Universität Bergen in Norwegen. Die Professorin wertete zusammen mit ihrem Team Studien zu signifikanten Bewegungsmustern bei Demenz-Patienten mit vermutlicher Schmerzsymptomatik aus. Nach umfangreicher Literaturrecherche weisen zehn bestimmte Verhaltensweisen und Bewegungsmuster einen Zusammenhang zwischen Demenz-Patienten und Schmerzen auf. Diese Schmerzindikatoren fasste Strand in einem systematischen Review zusammen [1].

Verhalten und Bewegung von Demenzpatienten mit Schmerzen

Bislang fehlte eine wissenschaftliche Validierung zum Verhalten von kognitiv beeinträchtigten älteren Patienten, die nicht mehr in der Lage waren, Schmerzen zuverlässig zu äußern. Eine vermutliche Schmerzsymptomatik gründet sich derzeit vor allem auf bestimmte Lautäußerungen, Körperbewegungen und mimische Veränderungen. Strands Untersuchungen umfassten 2.096 Datensätze, 17 quantitative und 8 qualitative Studien mit älteren kognitiv eingeschränkten Patienten. Im Ergebnis legen jeweils fünf typische Bewegungsmuster und Verhaltensweisen einen Zusammenhang zwischen Schmerzen und Demenz nahe.

Typische mit Schmerzen assoziierte Bewegungsmuster

Folgende mit Schmerzen assoziierte Bewegungen deuten bei Demenz-Patienten auf körperliches Unwohlsein hin (starke Evidenz):

  • Unruhe/Agitiertheit
  • Reiben und Massieren eines Körperteils
  • Abwehrhaltung bei Berührungen
  • Versteifung und mangelnde Bewegung (inkl. Ballen der Fäuste)
  • körperliche Aggression (mitunter auch grob mit Um-sich-Schlagen und Werfen von Gegenständen).

Strand und Team weisen darauf hin, dass diese Muster bereits im SchmerzAssessment-Tool PAIC (Pain Assessment in Impaired Cognition) aufgeführt werden. Dabei handelt es sich um eine international gültige Bündelung von Fachwissen zur Verbesserung der Schmerzbewertung bei Menschen mit eingeschränkter Kognition [2].

Typische mit Schmerzen assoziierte Verhaltensmuster

Neben typischen Bewegungsmustern deuten auch bestimmte Verhaltensweisen auf eine Schmerzsymptomatik hin (mittlere Evidenz). Dazu gehören insbesondere:

  • eingeschränkte Mobilität bis zur Weigerung, sich fortzubewegen
  • Abstützen an einem Gegenstand
  • Zucken
  • Auf- und Abwandern
  • Körperhaltung in unbequemen oder ungewöhnlichen Körperhaltungen (inkl. verdrehten Extremitäten, Krümmen und Zusammenrollen des Körpers, Liegen in Fötusposition).

Abwehrverhalten als Indikator bei Schmerzprovokation

Unruhiges Verhalten und Reibebewegungen wurden vor allem in Ruhe beobachtet. Angespanntheit und Abwehrverhalten hingegen zeigten dementielle Patienten insbesondere als Reaktion auf schmerzprovozierende Aktionen. Als Beispiel dafür geben die Forscher die postoperative Umlagerung vom Rollstuhl ins Bett nach einer Hüftgelenks-Operation an.

Schlurfen, Zittern und stereotype Bewegungen: nur schwache Evidenz

Veränderungen im Gangbild wie Schlurfen oder Humpeln bzw. Hinken, Zittern sowie Bewegungs-Stereotypien zeigten nur eine schwache Evidenz im Zusammenhang zwischen Schmerzen und Demenz. Zudem können eine verstärkte Agitiertheit und aggressives Verhalten auf eine neuropsychiatrische Störung hinweisen. Darüber hinaus können sich Schmerzen und neuropsychiatrische Ereignisse wechselseitig beeinflussen.

Fazit

Die Untersuchungen zur instrumentalen Schmerzbeurteilung bei Demenz-Patienten müssen ausgeweitet werden. Zur Bewertung des Schmerzcharakters sind validierte Tests und allgemeingültige Indikatoren erforderlich. Zukünftige Studien sollten darüber hinaus untersuchen, ob und wie sich eine analgetische Behandlung auf die bislang untersuchten Bewegungs- und Verhaltensmuster auswirkt.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 21.01.2019

Quelle:
  1. Strand et. al. (2018): Body movements as pain indicators in older people with cognitive impairment: A systematic review. European Journal of Pain, DOI: https://doi.org/10.1002/ejp.1344
     
  2. Corbett et. al. (2014): An international road map to improve pain assessment in people with impaired cognition: the development of the Pain Assessment in Impaired Cognition (PAIC) meta-tool. BMC Neurology, DOI: https://doi.org/10.1186/s12883-014-0229-5
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