Aelteres Paar beim Fernsehen

Hintergrund

Fernsehen ist eine Aktivität, welche eine hohe Dichte von sich schnell-ändernden sensorischen Stimuli auf der einen Seite und einem passiven Zuschauer auf der anderen Seite aufweist. Die meisten Studien die den Zusammenhang zwischen Fernsehen und kognitiven Fähigkeiten untersuchten konzentrierten sich bisher auf Kinder. Die meisten fanden einen Zusammenhang zwischen Fernsehen und negativen Auswirkungen auf kognitive Fähigkeiten wie Lesen, Mathematik, kognitive Sprachfertigkeit und auch motorischer Entwicklung.

Einige wenige Studien untersuchten die Auswirkungen von Fernsehen auf Ältere. Es wird angenommen, dass exzessives Fernsehen zur Entwicklung von Demenz beitragen kann. In Studien wurde beispielsweise eine Verbindung zwischen Fernsehen und einem schlechteren Kurzzeitgedächtnis und einer Einschränkung in kognitiven Fähigkeiten gezeigt. Auch ein erhöhtes Risiko an Alzheimer zu erkranken wurde mit Fernsehen in Verbindung gebracht. Andere Studien konnten keine Assoziation zwischen kognitiven Einschränkungen oder Demenzentwicklung und Fernsehen sehen.

Zielsetzung

Die vorliegende Studie untersuchte, ob das Fernseh-Verhalten von Erwachsenen über 50 Jahren mit einer Einschränkung der Kognition 6 Jahre später einhergeht [1]. Ein zweites Ziel der Studie war zu untersuchen, wie viel TV geschaut werden kann, ohne dass es zu Einschränkungen der Kognition kommt.

Methodik

Die Arbeitsgruppe um Fancourt benutzte Daten der „English Longitudinal Study of Aging“ (ELSA), die Erwachsene oberhalb des 50. Lebensjahres eingeschloss.

In der vorliegenden Studie wurden aus dem Studienkollektiv der ELSA 3.590 Probanden eingeschlossen, die keine Demenz bei der Baselineuntersuchung aufwiesen. Die Studienteilnehmer waren durchschnittlich 67,1 Jahre alt (Standardabweichung 7,7 Jahre; Range: 52-90+ Jahre). 43,7% der untersuchten Probanden waren Männer, 72,3% waren verheiratet oder lebten mit jemandem zusammen, 14,8% arbeiteten Vollzeit, 15,4% Teilzeit und die Restlichen arbeiteten nicht mehr.

Das Fernsehverhalten wurde in die Gruppen: <2,5h/Tag (19,6%), 2,5-3,5h/Tag (19,1%), 3,5-4,5h/Tag (18,4%), 4,5-7h/Tag (23,4%) und >7h/Tag (19,6%) eingeteilt.
Am häufigsten wurde TV von Frauen, unverheirateten, alleine lebenden nicht arbeitenden Menschen und solchen mit einem geringen Bildungsgrad und geringem sozialen Status gesehen.

Mit Hilfe von multivariaten linearen Regressionsmodellen wurde der Zusammenhang zwischen dem Fernsehverhalten (2008/2009) der Probanden und ihrer Kognition 6 Jahre danach analysiert.

Zur Evaluation der Kognition wurden Tests verwendet, die das verbale Gedächtnis und die Wortflüssigkeit untersuchen.

Ergebnisse

Die Studie konnte zeigen, dass eine Dauer von >3,5 Stunden Fernsehen pro Tag mit einem dosisabhängigen Abfall des verbalen Gedächtnisses innerhalb der folgenden 6 Jahre assoziiert war. Je mehr TV ein Teilnehmer schaute, desto mehr war das verbale Gedächtnis in der Follow-Up Messung beeinträchtigt. Dies traf besonders auf die Menschen zu, die bessere kognitive Fähigkeiten im Rahmen der Ursprungsmessung aufwiesen.

Das Ergebnis blieb auch statistisch signifikant, nachdem mögliche Störfaktoren wie demographische Faktoren, gesundheitsbezogene Faktoren und die „sitzende Tätigkeit“, also der Bewegungsmangel, herausgerechnet wurden.

Das Fernsehverhalten schien jedoch nicht mit Änderungen der Wortflüssigkeit („semantic fluency“) assoziiert zu sein. Diese ist beispielsweise bei Alzheimer-Patienten reduziert.

Fazit

Die Studie konnte eine longitudinale Assoziation zwischen dem Fernsehverhalten und einem Abfall des verbalen Gedächtnisses bei älteren Menschen zeigen. Insbesondere >3,5 Stunden Fernsehen pro Tag scheinen mit einem Abfall der kognitiven Fähigkeiten assoziiert zu sein.  

Professor Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), schätzt die Studienergebnisse als beunruhigend ein, „da sich möglicherweise eine ganz eigene Krankheitsentität, die TV-bedingte Demenz, entwickelt.“ [2]. „Gerade ältere Menschen sollten, um lange geistig fit zu bleiben, von zu viel Fernsehschauen absehen“, empfiehlt der DGN-Experte.

Autor: Dr. Philipp Dworschak (Arzt)

Stand: 02.05.2019

Quelle:
  1. Fancourt et al. (2019): Television viewing and cognitive decline in older age: findings from the English Longitudinal Study of Ageing. Scientific Reports, DOI: 10.1038/s41598-019-39354-4
     
  2. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), Pressemitteilung, 12. April 2019