Längere Ausbildung schützt nicht vor Demenz

Eine aktuelle Langzeitanalyse zeigt, dass der kognitive Abbau infolge einer Demenz bei Personen mit höherem Bildungsabschluss ähnlich früh einsetzt und ähnlich schnell verläuft wie bei Personen, die weniger lange die Schulbank gedrückt haben.

Demenz

Hintergrund

Wer geistig rege ist und sein Gehirn fit hält, soll erst später im Verlauf einer Demenzerkrankung Symptome des kognitiven Abbaus zeigen, so die allgemeine Überzeugung bisher. Die geistige Aktivität soll, z. B. in Form einer vielfältigen Verknüpfung der Neuronen, eine Art kognitive Reserve schaffen, die die physischen Schäden an einzelnen Nervenzellen infolge der Demenzerkrankung ausgleicht, so dass der Patient seine kognitive Leistungsfähigkeit länger erhält.

Beginn und Verlauf der Demenz

In vorangegangenen Studien gab es Hinweise, dass Patienten mit einem höheren Bildungsgrad später Symptome des kognitiven Abbaus infolge der Demenz aufweisen und ihr Krankheitsverlauf verlangsamt ist. Man führte das auf die kognitive Reserve zurück [1]. Eine Langzeitanalyse des Rush Alzheimer’s Disease Center (RADC) in Chicago zeigte jetzt, dass die Länge der Ausbildung weder mit dem Einsetzen der Demenzsymptome noch mit dem Tempo des kognitiven Abbaus assoziiert ist [2].

Zielsetzung

In ihrer Langzeitanalyse wollten die Forscher überprüfen, welchen Einfluss der Bildungsgrad gemessen anhand der Länge der Ausbildungszeit auf den kognitiven Abbau bei Demenzpatienten hat.

Methodik

Die Studie nutzte die Daten von zwei vorangegangenen Langzeitstudien: der Religious Order Study mit älteren Mitgliedern des Katholischen Klerus aus den gesamten USA und dem Rush Memory and Aging Project mit älteren Personen aus Chicago und Umgebung. Die Teilnehmer beider Studien unterzogen sich jährlichen Kognitionstest und sagten zu, ihr Gehirn nach ihrem Tod der Forschung zur Verfügung zu stellen.

Gruppierung nach Ausbildungslänge

Die Forscher bildeten drei Gruppen: Teilnehmer mit ≤12 Ausbildungsjahren, Teilnehmer mit 13-16 Jahren und Teilnehmer mit ≥16 Jahren Ausbildung. Anhand der jährlichen Testergebnisse und der Untersuchungen der Gehirne der Verstorbenen verglichen die Wissenschaftler den Beginn und den Verlauf von Demenzerkrankungen in den drei Gruppen.

Ergebnisse

Die Forscher konnten die Daten von 2899 Teilnehmern (Durchschnittsalter 78) über einen Zeitraum von durchschnittlich acht Jahren auswerten. Während des Studienzeitraums entwickelten 696 der Teilnehmer eine Demenz und 752 Teilnehmer (darunter 405 der Demenzkranken) verstarben. Die Teilnehmer hatten durchschnittlich 16,3 Jahre Ausbildungszeit genossen. Tatsächlich waren die Bildungsunterschiede bei den Probanden geringer als in vorangegangenen Studien.

Bildungsvorteil nur bei Gesunden

Zu Beginn der Studie zeigten die gesunden älteren Personen mit höheren Bildungsabschlüssen tatsächlich bessere Leistungen bei Denk- und Gedächtnisaufgaben als Teilnehmer mit kürzerer Ausbildungszeit. Auf den Beginn und den Verlauf einer Demenz hatte der Bildungsgrad jedoch keine Auswirkungen.

Fazit

Die Langzeitanalyse basiert auf mehr Teilnehmern und auf einem längeren Beobachtungszeitraum als alle vorangegangenen Studien zum Thema Bildungsgrad und Demenz. Die Bildungsunterschiede zwischen Teilnehmern der aktuellen Studie sind eher gering. Möglicherweise wären die Ergebnisse bei größeren Unterschieden der Ausbildungszeiten anders gewesen.

Ausbildung in ferner Vergangenheit

Robert S. Wilson, PhD, und Neuropsychologe am RADC und federführender Autor der Studie ergänzt: „Die formale Ausbildung endet bereits Jahrzehnte bevor die Menschen alt sind. Spätere geistige Aktivitäten … wie eine Sprache lernen, soziale Erfahrungen, geistig anspruchsvolle Arbeit ... spielen womöglich eine größere Rolle bei der Bildung einer kognitiven Reserve als die weit zurückliegende Schulbildung.“ [1]

Autor: Barbara Welsch (Medizinjournalistin)

Stand: 21.02.2019

Quelle:
  1. Rush University Medical Center, Pressemitteilung, 06. Februar 2019
     
  2. Wilson et al. (2019): Education and cognitive reserve in old age. Neurology. DOI: 10.1212/WNL.0000000000007036
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