Multiple Sklerose: Erfolge mit Stammzellen

Forscher fanden in der ersten klinischen Studie mit Randomisierung, dass eine nicht-myeloablative, hämatopoetische Stammzelltransplantation im Vergleich zur krankheitsmodifizierenden Therapie die Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankung signifikant verlängerte.

Multiple Sklerose Nervenzelle

Hintergrund

Eine Heilung der Multiplen Sklerose ist derzeit noch nicht möglich, jedoch wurden in den vergangenen Jahren eine Reihe von Medikamenten entwickelt, welche die Schubhäufigkeit der schubförmig remittierenden Multiplen Sklerose (SRMS) verringern und den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen können, wie zum Beispiel Interferone, Glatirameracetat oder Antikörper.

Die HSCT (hämatopoetische Stammzelltransplantation [hematopoietic stem cell transplantation]) stellt möglicherweise einen wertvollen Ansatz dar, eine progressive Behinderung bei Patienten mit sehr schwer verlaufender SRMS zu verlangsamen oder zu verhindern.

Die Forscher wenden hierzu ein wenig intensives Konditionierungsregime an und führen einen „Reset“ des Immunsystems durch. Vor der Transplantation werden die autoreaktiven Lymphozyten mit einer relativ niedrigen und verträglichen Dosis von Cyclophosphamid und Antithymozytenglobulin eliminiert. Das Rückenmark wird dabei nicht zerstört. Dann werden die Stammzellen gesammelt und wieder infundiert, so dass sich das Immunsystem in einem nicht entzündlichen Umfeld neu aufbauen kann.

Zielsetzung

Ein Wissenschaftlerteam um Dr. Richard K. Burt, von der Division of Immunotherapy, Northwestern University Feinberg School of Medicine, in Chicago, USA, untersuchte die Wirkungen von nicht-myeloablativer, autologer HSCT auf die Krankheitsprogression im Vergleich zu einer DMT (krankheitsmodifizierende Therapie [disease-modifying therapy]) bei Patienten mit hochaktiver SRMS [1].

Methodik

In vier US-amerikanischen, südamerikanischen und europäischen Zentren wurden zwischen dem 20. September 2005 und dem 07. Juli 2016 insgesamt 110 Patienten mit SRMS randomisiert. Die Patienten mussten im Vorjahr unter DMT mindestens zwei Rezidive erlebt haben und auf der Expanded Disability Status Scale (EDSS, Wertebereich 0 bis 10, 10 = größte neurologische Beeinträchtigung) Punktwerte von 2,0 bis 6,0 erreicht haben. Die Nachbeobachtung endete im Januar 2018.

Jeweils 55 Patienten erhielten nach der Gabe von Cyclophosphamid (200 mg/kg) und Antithymozytenglobulin (6 mg/kg) eine HSCT oder DMT, diese mit höherer Wirksamkeit oder einer anderen Wirkstoffklasse als im vorangegangenen Jahr.

Der primäre Endpunkt war die Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankung, definiert als Anstieg um mindestens 1,0 Punkte in der EDSS nach mindestens einem Jahr.

Ergebnisse

Von den 110 randomisierten Patienten (73 [66%] Frauen, mittleres Alter 36 Jahre [Standardabweichung 8,6 Jahre]) beendeten 103 die Studie nach Plan. Bei 98 Patienten wurden die Endpunkte nach einem Jahr und bei 23 Patienten jährlich über fünf Jahre evaluiert. Die mediane Nachbeobachtungszeit betrug zwei Jahre, die mittlere Nachbeobachtungszeit 2,8 Jahre.

Eine Progression trat bei drei Patienten in der HSCT-Gruppe und bei 34 Patienten in der DMT-Gruppe auf. Die mittlere Zeit bis zur Progression konnte in der HSCT-Gruppe aufgrund zu weniger Ereignisse nicht berechnet werden. In der DMT-Gruppe betrug sie 24 Monate (Interquartilbereich 18 bis 48 Monate; Hazard Ratio 0,07; 95%-Konfidenzintervall [KI] 0,02 bis 0,24; P<0,001).

Im ersten Jahr sank die mittlere EDSS-Punktzahl in der HSCT-Gruppe von 3,38 auf 2,36, das heißt der Zustand der Patienten verbesserte sich. In der DMT-Gruppe stieg die mittlere Punktzahl von 3,31 auf 3,98 an. Der Zustand der Patienten verschlechtert sich. Der mittlere Unterschied zwischen den Gruppen betrug -1,7 (95%-KI -2,03 bis -1,29; P<0,001).

Es ereigneten sich keine Todesfälle. Keiner der Patienten, die mit HSCT behandelt wurden, entwickelte nicht-hämatopoetische Toxizitäten vom Grad 4, wie zum Beispiel Myokardinfarkt, Sepsis oder andere zu Behinderung führende oder potenziell lebensbedrohliche Zustände.

Fazit

In dieser ersten Untersuchung an Patienten mit SRMS führte eine nicht-myeloablative HSCT im Vergleich zur DMT zu einer längeren Zeitspanne bis zum Fortschreiten der Erkrankung. Die Autoren betonen, dass weitere Forschungsarbeiten erforderlich sind, um diese Daten zu bestätigen sowie langfristige Ergebnisse und die Therapiesicherheit zu bewerten.

Die Studie wurde durch die Familie Danhakl, die Cumming Foundation, die McNamara Purcell Foundation, Morgan Stanley, und die National Institute for Health Research Sheffield Clinical Research Facility finanziell unterstützt. Sie ist unter der Nummer NCT00273364 bei ClinicalTrials.gov registriert.

Autor: Dr. Elke Schlüssel (Medizinjournalistin)

Stand: 23.01.2019

Quelle:
  1. Burt et al. (2019): Effect of nonmyeloablative hematopoietic stem cell transplantation vs continued disease-modifying therapy on disease progression in patients with relapsing-remitting multiple sclerosis. A randomized clinical trial. JAMA; DOI: 10.1001/jama.2018.18743
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