Pregabalin und Gabapentin zu häufig verordnet

Versicherungsdaten zeigen, dass die Medikamente häufig bei chronischen Schmerzen unabhängig von einer neuropathischen Diagnose verschrieben werden. Eine Forschungsgruppe identifizierte eine steigende Anzahl von Verschreibungen von 2009 bis 2015 bei einer hohen Therapieabbruchrate von 61%. Dies lässt auf einen mangelnden therapeutischen Effekt oder das Auftreten von Nebenwirkungen schließen.

Forscher analysen gemeinsam

Hintergrund

Pregabalin und Gabapentin (P/G) gehören zur Gruppe der „neueren Antiepileptika“. Als chemische Analoga des inhibitorischen Neurotransmitters Gamma-Aminobuttersäure werden sie als "Gabapentinoide" eingestuft. Ursprünglich entwickelt für die Behandlung von Epilepsie, erteilte die Europäische Arzneimittelbehörde auch Zulassungen für die Behandlung von neuropathischen Schmerzen, wie zum Beispiel Nervenschmerzen durch eine Diabeteserkrankung oder eine Herpesinfektion.

„Den offensichtlich eher schwachen therapeutischen Wirkungen und dem vergleichsweise kleinen Anwendungsgebiet stehen stetig steigende Verschreibungszahlen in den vergangenen Jahren gegenüber“, erklärte die Medizinerin Dr. Annika Viniol von der Philipps-Universität, die Erstautorin der aktuellen Publikation. Im Jahr 2015 belegte das Pregabalin-Medikament „Lyrica“ der Firma Pfizer Platz 26 auf der Liste der umsatzstärksten patentgeschützten Arzneimittel und verursachte Nettokosten von 170 Millionen Euro für die gesetzliche Krankenversicherung [1].

Zielsetzung

Das Wissenschaftsteam um Dr. Annika Viniol von der Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin an der Philipps-Universität Marburg, untersuchte, wie P/G typischerweise therapeutisch angewendet wurde, mit besonderem Augenmerk auf Schmerzdiagnosen und Abbruchraten, um die Prävalenz und Inzidenz von P/G-Verordnungen zu analysieren [2].

Methodik

Die Autor*innen der Studie werteten anonymisierte Krankenversicherungsdaten von vier Millionen in Deutschland versicherten Personen aus, die dem Institut für angewandte Gesundheitsforschung Berlin zur Verfügung stehen.

Primäre und sekundäre Endpunkt waren die P/G-Verschreibungsraten, die P/G-Verschreibungsraten, die mit einer Schmerztherapie verbunden waren, die Analyse schmerzbezogener Diagnosen, die zu neuen P/G-Verschreibungen führten, sowie die Abbruchrate von P/G-Therapien.

Ergebnisse

In den Jahren 2009 bis 2015 erhielten 1,3% (52.774 von 3.948.482) der versicherten Personen mindestens eine P/G-Verschreibung. Die Prävalenzrate stieg von 1,1% im Jahr 2009 auf 1,6% im Jahr 2015.

Nur bei 25,7% der Patient*innen mit Schmerzen, die erstmals mit P/G behandelt wurden, wurde eine typische neuropathische Schmerzstörung diagnostiziert. Die verbleibenden 74,3% hatten entweder keine neuropathische Schmerzdiagnose erhalten oder zeigten eine pathophysiologisch denkbare neuropathische Komponente, die aber die Verschreibung von P/G nicht rechtfertigte.

Es wurde eine hohe Abbruchrate von 85% ermittelt. Von den Patient*innen, die das Medikament abgesetzt hatten, erhielten 61,1% innerhalb von zwei Jahren keine Folgeverschreibung.

Fazit

Die Ergebnisse zeigen, dass P/G bei chronischen Schmerzen oft unabhängig von neuropathischen Schmerzdiagnosen verordnet wird. Die hohe Abbruchrate zeigt einen Mangel an therapeutischen Vorteilen und/oder das Auftreten von Nebenwirkungen an.

„Die Überverschreibung setze nicht nur zahlreiche Patient*innen unnötigerweise dem Risiko von Nebenwirkungen und Wirkstoffwechselwirkungen aus, sondern belaste außerdem das Gesundheitssystem finanziell“, mahnen die Autor*innen. In den USA hätten sich die Kosten für Pregabalin von 2012 bis 2016 auf 4,4 Milliarden US-Dollar verdoppelt. Die deutschen Daten beschreiben den gleichen Trend.

Autor: Dr. Elke Schlüssel (Medizinjournalistin)

Stand: 16.04.2019

Quelle:
  1. Philipps-Universität Marburg, Pressemeldung, 05.04.2019
     
  2. Viniol et al. (2019) Prescribing practice of pregabalin/ gabapentin in pain therapy: an evaluation of German claim data. BMJ Open, DOI: 10.1136/bmjopen-2018-021535
     
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