Überarbeitete S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Neurologie“

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGEM) empfiehlt, der Ernährung eine wichtigere Rolle in der Therapie von neurologischen Erkrankungen zukommen zu lassen. Hierfür hat die Fachgesellschaft eine Leitlinie erstellt, die kürzlich aktualisiert wurde.

Frau mit Obsttüte

Laut dem European Brain Council leiden 220,7 Millionen Menschen in Europa an mindestens einer neurologischen Erkrankung (1). Viele dieser Patienten haben bedingt durch ihr Krankheitsbild erhebliche Schwierigkeiten, sich adäquat zu ernähren. Sie tragen deshalb ein erhöhtes Risiko für Mangel- und Unterernährung. Sie verlieren an Gewicht und bauen Muskulatur ab.

Adäquate Ernährung bei neurologischen Erkrankungen schwierig

Patienten mit neurologischen Erkrankungen haben häufig erhebliche Schwierigkeiten, sich adäquat zu ernähren. „Die Gründe dafür sind vielseitig“, sagt Privatdozent Dr. med. Frank Jochum, Präsident der DGEM. Viele neurologische Erkrankungen gehen mit Schluckstörungen einher. „Vor allem bei Schlaganfall-Patienten, aber auch bei Patienten mit Morbus Parkinson, Multiple Sklerose und Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) sind Schluckstörungen ein häufig auftretendes Problem“, so Jochum. Schluckstörungen können nicht nur eine unzureichende Ernährung bewirken, sondern aufgrund des Aspirationsrisikos auch zu lebensbedrohlichen Lungenentzündungen führen. Schmerzen, Appetitlosigkeit – beispielsweise durch die Einnahme bestimmter Medikamente – oder Einschränkungen im Bewegungsapparat können die orale Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme der Patienten zunehmend erschweren.

Durch die unzureichende Nahrungsaufnahme kann es zu einer Mangelernährung kommen. Die Patienten verlieren Gewicht, die Muskulatur baut sich ab. Dadurch kommt es zu Einschränkungen in Beweglichkeit und Selbstständigkeit. Energie- und Nährstoffmangel beeinflussen zudem Heilungsprozesse. Bei den Patienten kommt es häufiger zu Behandlungskomplikationen, die Lebensqualität verschlechtert sich und das Sterberisiko wächst, wie Professor Bischoff, der Leitlinienbeauftragte der DGEM, erklärt.

Mangelernährung bei Kindern mit neurologischen Erkrankungen sehr häufig

In der Kinder- und Jugendmedizin ist die Gruppe der Patienten mit neurologischen Erkrankungen die mit dem schlechtesten Ernährungsstatus. „Je nach untersuchter Patientengruppe waren bis zu 68 Prozent der neurologisch erkrankten Kinder mangelernährt“, betont Jochum (3,4). „Das ist vor allem deshalb kritisch, weil sich die jungen Patienten noch in der Wachstumsphase befinden und somit für Wachstumsstörungen, verminderte Gehirnentwicklung und andere Folgen der Mangelernährung besonders anfällig sind“, so der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Evangelischen Waldkrankenhauses Spandau und Chefarzt der Klinik für Neugeborenenmedizin des Martin-Luther-Krankenhauses in Berlin-Wilmersdorf.

Damit bei einem unzureichenden Ernährungszustand schnell eingegriffen werden kann, sollten behandelnde Ärzte den Ernährungsstatus ihrer Patienten regelmäßig prüfen und bewerten. „So können eventuelle Mangelerscheinungen frühzeitig entdeckt und ihnen entgegengewirkt werden“, erklärt Bischoff. „Manche Patienten bemerken beispielsweise gar nicht, dass sie an Schluckstörungen leiden. Deshalb ist es umso wichtiger, dass danach gezielt untersucht wird.“ Wird eine Mangelernährung oder ein erhöhtes Risiko festgestellt, können unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten zum Einsatz kommen, um die Nährstoffzufuhr zu erhöhen. „Je nach Krankheitsbild und Symptomatik können die Speisen zusätzlich angereichert und in ihrer Beschaffenheit und Textur angepasst werden, zum Beispiel in Form von Trinknahrung“, ergänzt Jochum. „Neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall oder ALS machen häufig eine Ernährung mithilfe einer Sonde notwendig. Eine künstliche Ernährung wird erst dann in Erwägung gezogen, wenn eine Sondenernährung nicht mehr möglich ist“, ergänzt der Experte.

S3-Leitlinie "Klinische Ernährung in der Neurologie" überarbeitet

Die S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Neurologie“, die 2013 erstmals von der DGEM in Zusammenarbeit mit anderen Fachgesellschaften erstellt und publiziert wurde, gibt Ärzten Empfehlungen, um das Risiko von Mangelernährung, Dehydration und Lungenentzündungen bei Patienten mit einer neurologischen Erkrankung zu reduzieren (5). Sie wurde in den vergangenen zwei Jahren von einer interdisziplinären, internationalen Arbeitsgruppe der Europäischen Fachgesellschaft für Klinische Ernährung und Stoffwechsel (ESPEN) aktualisiert (6).

In der Leitlinie wird besonders auf die weit verbreiteten Krankheitsbilder ALS, Morbus Parkinson, Multiple Sklerose und Schlaganfall eingegangen.

Autor: Ellen Reifferscheid (Apothekerin)

Stand: 31.10.2018

Quelle:

Pressemeldung der DGEM

1. Olesen J et al: The economic cost of brain disorders in Europe; European Journal of Neurology 2012, 19:155-162, DOI: 10.1111/j.1468-1331.2011.03590.x.
2. Pawellek I, Dokoupil K, Koletzko B.: Prevalence of malnutrition in paediatric hospital patients. Clin Nutr. 2008 Feb;27(1):72-6. Epub 2007 Dec 20.
3. Dahlseng et al.: Feeding problems, growth and nutritional status in children with cerebral palsy. Acta Paediatr. 2012 Jan;101(1):92-8, DOI: 10.1111/j.1651-2227.2011.02412.x. Epub 2011 Aug 2.
4. Sullivan P et al.: Gastrostomy tube feeding in children with cerebral palsy: a prospective, longitudinal study. Dev Med & Child Neurol 2005;47:77-85.
5. Wirth R, et al. S3-Leitlinie Klinische Ernährung in der Neurologie. Aktuel Ernahrungsmed 2013; 38: e49-e89.
6.  Burgos R, Bretón I, Cereda E et al. ESPEN guideline clinical nutrition in neurology. Clin Nutr 2018; 37:354–396.

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