Stroboskoplicht kann epileptische Anfälle auslösen

Epidemiologische Daten von über 400.000 Personen, ein Fallbericht und experimentelle Daten lassen vermuten, dass stroboskopische Lichteffekte in einem sonst dunklen Umfeld bei Konzerten mit elektronischer Tanzmusik epileptische Anfälle auslösen können.

Lightshow Konzert

Hintergrund

Konzerte mit elektronischer Tanzmusik werden immer beliebter. Dabei werden häufig starke stroboskopische Lichteffekte als Teil der Shows eingesetzt. Diese können bei Personen mit fotosensibler Epilepsie Anfälle hervorrufen. Derzeit sind keine Informationen über die Häufigkeit von fotosensibler Epilepsie bei Konzerten mit elektronischer Tanzmusik verfügbar.

Zielsetzung

Ein wissenschaftliches Team um Dr. Newel Salet vom Department of Internal Medicine am VU Medisch Centrum in Amsterdam, Niederlande, untersuchte das Risiko epileptischer Anfälle bei Konzerten mit elektronischer Tanzmusik [1].

Methodik

Die Wissenschaftler beschreiben in der aktuellen Publikation den Fall eines jungen Mannes, der während eines Konzerts mit elektronischer Tanzmusik einen epileptischen Anfall erlitten hatte und sich später einem elektroenzephalografischen Provokationstest unterzog.

Um die Inzidenz epileptischer Anfälle, die möglicherweise durch Lichteffekte ausgelöst werden, zu ermitteln, führten die Forscher eine Kohortenstudie mit den 400.343 Besuchern von 28 Konzerten mit elektronischer Tanzmusik in den Niederlanden im Jahr 2015 durch. Sie unterteilten die Personen in eine Gruppe, die bei Dunkelheit, und in eine Gruppe, die bei Tageslicht stroboskopischen Lichteffekten ausgesetzt war. Tagesbesucher stuften sie bezüglich der stroboskopischen Effekte als nicht oder kaum exponiert ein.

Der primäre Ergebnisparameter war die Inzidenzdichte epileptischer Anfälle. Anfälle wurden als solche registriert, wenn ein Notarzt vor Ort einen oder mehrere nachfolgende „epileptische Anfälle“ basierend auf der Kombination von Zeugenberichten (z. B. plötzliches Einsetzen, Bewusstlosigkeit, Muskelkontraktionen) und körperlichen Befunden (z. B. seitlicher Zungenbiss, Harninkontinenz) als wahrscheinlichste Diagnose festlegte.

Die Wissenschaftler errechneten das Inzidenzdichteverhältnis (Anzahl registrierter epileptischer Anfälle pro Person und Stunde) und bestimmten daraus das Risiko eines Anfalls von exponierten gegenüber nicht exponierten Personen.

Ergebnisse

Die Publikation enthält den Fallbericht über einen 20-jährigen Mann, der während eines Elektromusikfestivals kollabierte. Er verlor für einige Minuten das Bewusstsein. Freunde berichteten den Ärzten über tonisch-klonische Zuckungen, begleitet von Bissen auf die Zunge und Urinabgang. Der Mann selbst gab an, kurz vor dem Zusammenbruch auf die Bühne geschaut und ein unangenehmes auraähnliches Erlebnis gehabt zu haben. Seine Missempfindungen führte er auf die stroboskopischen Blitze zurück. Er habe weder Alkohol noch andere Drogen oder Medikamente eingenommen und bislang keine epileptischen Anfälle gehabt.

Einige Wochen später sah sich der Mann stark übermüdet unter ärztlicher Überwachung ein Video des Konzerts an. Im EEG erkannten die Ärzte während der stroboskopischen Blitze, die mit seinem Anfall zeitlich einhergegangen waren, erneute epileptoforme Entladungen. Auch dieses Mal bemerkte der Mann auraähnliche Veränderungen. Die Ärzte nehmen daher an, dass die Lichtblitze während des Konzerts tatsächlich den Anfall ausgelöst haben.

In die Kohortenstudie wurden insgesamt 400.343 Konzertbesucher aufgenommen (entsprechend insgesamt 4.556.556 Personenstunden). 241.543 Personen (entsprechend 2.222.196 Personenstunden) wurden der exponierten Gruppe und 158.800 Personen (entsprechend 2.334.360 Personenstunden) der Kontrollgruppe zugeordnet. Während der Konzerte wurde 2.776 Mal medizinische Hilfe geleistet.

Insgesamt wurden 39 Personen mit epileptischen Anfällen registriert, von denen 30 in der exponierten Gruppe auftraten, gegenüber 9 in der nicht exponierten Gruppe. Die Inzidenz von epileptischen Anfällen war bei exponierten Personen 3,5-mal höher als bei nicht exponierten Personen (95%-KI: 1,7 bis 7,8; p <0,0005). Weniger als ein Drittel der Fälle trat nach der Einnahme von Ecstasy oder ähnlichen Stimulanzien auf.

Der Ecstasykonsum in der Gesamtgruppe der medizinisch betreuten Personen betrug in der exponierten Gruppe 26% (357 von 1379 Personen) und in der nicht exponierten Gruppe 9,7% (136 von 1397 Personen). Der Anteil der Anfallsfälle nach Ecstasykonsum war jedoch bei den exponierten (8 von 30 Personen; 27%) und den nicht exponierten Personen (3 von 9 Personen; 33%) vergleichbar.

Fazit

Die Wissenschaftler schließen aus der Untersuchung eines Falles, sowie aus experimentellen Daten und den Ergebnissen einer Kohortenstudie, dass stroboskopische Lichteffekte in einem sonst dunklen Umfeld bei Konzerten mit elektronischer Tanzmusik das Risiko für epileptische Anfälle mehr als verdreifachen können.

Die große Anzahl der in dieser Untersuchung berücksichtigten Personen ermöglicht einen aussagekräftigen Vergleich zwischen den Gruppen. Eine Einschränkung der Studie war die geringe Anzahl an aufgetretenen epileptischen Anfällen. Dies macht die statistische Auswertung unsicher. Es ist wahrscheinlich, dass in dieser Studie die Inzidenz von epileptischen Anfällen bei Konzerten mit elektronischer Tanzmusik unterschätzt wird. Über Menschen, die während der Konzerte keine medizinische Versorgung benötigten, sind nur wenige Daten verfügbar.

Die Studienautoren empfehlen, dass Konzertveranstalter vor dem Risiko von Anfällen warnen, und anfällige Personen entsprechende Vorsichtsmaßnahmen ergreifen.

Autor: Dr. Elke Schlüssel (Medizinjournalistin)

Stand: 24.07.2019

Quelle:
  1. Salet et al. (2019): Stroboscopic light effects during electronic dance music festivals and photosensitive epilepsy: a cohort study and case report. BMJ Open, DOI: 10.1136/bmjopen-2018-023442
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