Schützt ASS vor Leberkrebs und Ovarialkarzinom?

Neben der krebspräventiven Wirkung bei Darmkrebs könnte Acetylsalicylsäure möglicherweise auch vor Leberkrebs und Ovarialkarzinomen schützen. Eine Einnahmeempfehlung gibt es aufgrund des erhöhten Blutungsrisikos jedoch noch nicht.

Acetylsalicylsäure

Zwei US-amerikanische Beobachtungsstudien legen nahe, dass Acetylsalicylsäure (ASS) das Erkrankungsrisiko von Ovarialkarzinomen und malignen hepatozellulären Tumoren senken könnte. Für Darmkarzinome gibt es dahingehend bereits überzeugende Studien. Demnach schützt Acetylsalicylsäure vor Polypen, aus denen sich Darmkrebs entwickeln könnte.

Die aktuellen Aussagen zur präventiven Wirkung von ASS auf Ovarialkarzinome und Leberkrebs basieren auf zwei Studien zu Ernährungsgewohnheiten und Krebsrisiken: der Nurses’ health Study (NHS) und der Health Professionals Follow-up Study (NHSII). Die Ergebnisse der US-amerikanischen Beobachtungsstudien wurden im Fachmagazin JAMA Oncology publiziert[1,2]. An den Analysen waren Arbeitsgruppen um Dr. Mollie E. Barnard vom Huntsman Cancer Institute an der Universität von Utah und Dr. Andrew Chan vom Massachusetts General Hospital (MGH) in Boston beteiligt.

Niedrigdosiertes ASS schützt vor Ovarialkarzinom

Barnard und Team gingen der Frage nach, ob es einen erkennbaren Zusammenhang zwischen niedrig dosiertem ASS und einer geringeren Rate von Ovarialkarzinomen gibt [1]. Insgesamt werteten sie dazu Daten von 205.498 Frauen (93664 der NHS-Kohorte und 111 834 der NHSII-Kohorte) aus.

Zunächst zeigte sich die Rate von Ovarialkrebserkrankungen unter ASS-Einnahme ohne Dosiseingrenzung im Vergleich zur Nicht-ASS-Einnahme als nahezu identisch (HR 0,99; 95%-KI 0,83–1,19). Entscheidend aber waren die Auswertungen nach Differenzierung der täglichen ASS-Zufuhr. So konnte bei Niedrigdosis-ASS-Nutzerinnen (100 mg/d) ein 23% niedriges Ovarialkarzinomrisiko im Vergleich zu Frauen, die kein ASS einnahmen, beobachtet werden (HR 0,77; 95%-KI 0,61–0,96).

Mitteldosis-ASS und anderes NSAR erhöhen das Ovarialkrebs-Risiko

Ganz anders stellten sich die Ergebnisse der Analyse von Mitteldosis-ASS-Nutzerinnen dar. Frauen, die standardmäßig 325 mg Acetylsalicylsäure pro Tag einnahmen, erkrankten tendenziell häufiger an Eierstockkrebs (HR 1,17; 95%-KI 0,92–1,49) als Nicht-Anwenderinnen. Die Einnahme anderer nichtsteroidaler Antiphlogistika (NSAR) wie Ibuprofen und Naproxen war sogar mit einem um 19% höheren Risiko für Eierstockkrebs verbunden - im Vergleich zu Nicht-Nutzerinnen (RR 1,19; 95%-KI 1,00-1,41).

Ergebnisse mit anderen Studien vergleichbar

Noch ist den Forschern unklar, warum nur niedrigdosiertes ASS vor Ovarialkarzinomen schützt. Auch sind die Erfahrungen zur Wirksamkeit in Beziehungen zu Art, Zeitpunkt, Häufigkeit, Menge und Dosis der ASS-Einnahme bislang unzureichend. Die Ergebnisse scheinen aber mit anderen Fall-Kontroll-Studien übereinzustimmen, die ein verringertes Risiko von Ovarialkarzinomen bei regelmäßiger Anwendung von niedrig dosiertem Aspirin zeigen. Anfang dieses Jahres publizierte Dr. Shelley S. Tworoger, Associate Center Director for Population Science vom Moffitt Cancer Center in Tampa, Florida, bereits eine Studie im Journal of the National Cancer Institute, in der Daten aus 13 Studien mit mehr als 750.000 Frauen (davon 3.500 mit Ovarialkarzinomen) ausgewertet wurden [3]. Die Ergebnisse zeigen, dass der tägliche Gebrauch von Aspirin an mindestens sechs Tagen in der Woche das Risiko von Eierstockkrebs um etwa 10% reduziert (RR 0,90; 95%-KI 0,82–1,00).

ASS zum Schutz vor Leberzellkarzinom

Im Gegensatz zu Ovarialkarzinomen sind für Leberzellkarzinome etliche Ursachen bekannt, zum Beispiel chronische Hepatitis B und C, Alkoholabusus, die Einnahme bestimmter Medikamente, Diabetes mellitus und Adipositas sowie berufliche Faktoren. Verringern sich diese Faktoren, sinkt auch das Risiko von Leberkarzinomen - der weltweit zweithäufigsten Ursache für Krebstod. Möglicherweise wirkt auch Acetylsalicylsäure krebspräventiv. Diese Annahme legen weitere Untersuchungen der Nurses’ health Study (NHS) und Health Professionals Follow-up Study (NHSII) nahe. Unter der Leitung von Dr. Andrew Chan werteten Forscher des Massachusetts General Hospital (MGH) in Boston Daten von 87.507 Männern und 45.864 Frauen aus [2]. Demnach kann die regelmäßige Anwendung von Aspirin das Risiko der Entwicklung von primärem Leberkrebs bzw. hepatozellulärem Karzinom (HCC) signifikant verringern.

Risikosenkung und ASS-Dosierung

Nach Auswertung aller Ergebnisse soll die regelmäßige Einnahme der ASS-Standarddosis von 325 mg  zwei oder mehrmals pro Woche über einen Zeitraum von fünf Jahren oder länger zu einem 49% verminderten Risiko von HCC führen (RR 0,51; 95%-KI 0,34–0,77). Im Gegensatz zum Ovarialkarzinom wurde auch eine Dosis-Wirkung-Beziehung ermittelt, wodurch eine Kausalität naheliegt. Demnach vermindert sich das Leberkrebs-Risiko bei der Einnahme von:

  • bis zu 1,5 Tabletten pro Woche um 13% (RR 0,87; 95%-KI 0,51-1,48)
  • 1,5 bis 5 Tabletten pro Woche um 49% (RR 0,51; 95%-KI 0,30-0,86)
  • mehr als 5 Tabletten pro Woche um 51% (RR 0,49; 95%-KI 0,28-0,96).

Längere ASS-Anwendung – geringeres HCC-Risiko

Des Weiteren verminderte sich das HCC-Risiko mit zunehmender Dauer der Anwendung von Acetylsalicylsäure. Bei Probanden, die ASS für fünf Jahre oder länger einnehmen, wurde das relative Risiko um 59% reduziert. Nahm die Dauer des ASS-Gebrauchs hingegen ab, sank auch die Risikoreduktion. Wurde ASS abgesetzt, verschwand der Effekt acht Jahre nach Ende der ASS-Einnahme.

Nichtsteroidale entzündungshemmende Medikamente wie Ibuprofen hatte keinen Einfluss auf das HCC-Risiko.

Fazit

Noch gibt es keine Einnahmeempfehlungen für ASS, um Ovarialkarzinomen vorzubeugen. „Wir sind nicht ganz in dem Stadium, in dem wir die Empfehlung geben könnten, dass die tägliche Anwendung von Aspirin das Risiko von Eierstockkrebs senkt. Wir müssen mehr Forschung betreiben. Aber es ist definitiv etwas, das Frauen mit ihrem Arzt besprechen sollten“, resümiert Tworoger.

Ähnlich verhält es sich bei Leberzellkarzinomen. Dazu Dr. Tracey Simon, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der MGH-Abteilung für Gastroenterologie und Hauptautorin des Berichts: „Die regelmäßige Einnahme von Aspirin führte zu einem deutlich geringeren Risiko für die Entwicklung von HCC, verglichen mit seltenem oder gar keinem Aspirin-Gebrauch. Zudem fanden wir heraus, dass das Risiko mit zunehmender Aspirin-Dosis und -dauer korreliert“. Simon weiter: „Da die regelmäßige Einnahme von Aspirin das Risiko einer erhöhten Blutung mit sich bringt, sollten im nächsten Schritt dessen Auswirkungen in Populationen mit etablierten Lebererkrankungen untersucht werden, da diese Gruppe bereits ein Risiko für primären Leberkrebs darstellt.“

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 10.10.2018

Quelle:
  1. Barnard et al. (2018): Association of Analgesic Use With Risk of Ovarian Cancer in the Nurses’ Health Studies. JAMA Oncology, DOI: 10.1001/jamaoncol.2018.4149
     
  2. Simon et al. (2018): Association Between Aspirin Use and Risk of Hepatocellular Carcinoma. JAMA Oncology, DOI: 10.1001/jamaoncol.2018.4154
     
  3. Trabert et al. (2018): Analgesic Use and Ovarian Cancer Risk: An Analysis in the Ovarian Cancer Cohort Consortium. Journal of the National Cancer Institute, DOI: 10.1093/jnci/djy100
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