COPD-Exazerbation: Risiko-Score für die Praxis

Der OCRS zur Abschätzung des Komplikationsrisikos nach einer COPD-Exazerbation zeigt eine höhere Sensitivität als die Bewertung von Notaufnahmeärzten. Der OCRS wird daher als zusätzliches Tool bei der Entscheidung über eine Klinikeinweisung empfohlen.

COPD

Hintergrund

Die Bedeutung der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (chronic obstructive pulmonary disease [COPD]) als eine Hauptursache für Morbidität und Mortalität in Nordamerika und Europa wächst seit Jahren. Akute Verschlimmerungen des Krankheitsbildes (Exazerbationen) sind Notfälle, die ein rasches therapeutisches Eingreifen erfordern, denn sie tragen zum weiteren Fortschreiten der Erkrankung bei und können zu schweren kardiovaskulären, pulmonalen und allgemeinen Komplikationen führen [1].

Stationäre Überwachung

In vielen Fällen kann eine schnelle und aggressive Behandlung der COPD-Exazerbation den Patienten soweit stabilisieren, dass eine Klinikeinweisung unnötig erscheint. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Patienten auch nach einer erfolgreichen Therapie der COPD-Exazerbation schwere Komplikationen erleiden können. Solche Patienten sollten ggf. stationär aufgenommen werden, um ein schnelles Eingreifen bei Komplikationen zu ermöglichen [1].

Hochrisiko-Patienten erkennen

Bislang gab es keine validierte Methode, mit deren Hilfe Ärzte das Risiko für Komplikationen nach einer erfolgreichen Therapie des COPD-Exazerbation realistisch einschätzen und Hochrisiko-Patienten identifizieren können. Zu diesem Zweck entwickelten kanadische Wissenschaftler am Ottawa Hospital 2014 auf der Grundlage der Daten von 945 COPD-Patienten einen Risiko-Score, den Ottawa COPD Risk Scale (OCRS). Die klinische Aussagekraft des OCRS wurde nun in einer Folgestudie mit 1.415 Patienten überprüft [1].

Zielsetzung

In der Studie wurde überprüft, ob der OCRS ein geeignetes Tool ist, um Patienten zu identifizieren, die nach einer COPD-Exazerbation ein hohes Risiko für Komplikationen innerhalb von 14 Tagen nach der Behandlung in der Notaufnahme haben. Darüber hinaus wurde die Sensitivität des OCRS zur Erkennung von Hochrisiko-Patienten mit der üblichen Bewertungspraxis in Notaufnahmen verglichen.

Methode

Die prospektive Kohortenstudie wurde an sechs tertiären Versorgungszentren mit Patienten, die unter einer akuten COPD-Exazerbation litten, durchgeführt. Die Patienten wurden nach dem OCRS evaluiert. Das Follow up umfasste 30 Tage nach der Behandlung. Jedes schwerwiegende Ereignis, wie Tod, Einweisung auf die Überwachsungsstation, Intubation, nicht invasive Beatmung, Myokardinfarkt oder ein Rückfall mit Klinikeinweisung, wurde als primärer Endpunkt gewertet.

Ottawa COPD Risk Scale

Im OCRS werden zehn Kriterien aus den Bereichen Anamnese, Untersuchungsbefunde und Zustand nach Therapie abgefragt. Positive Antworten werden mit einer vorgegebenen Punktzahl von 1-3 bewertet, negative Antworten erhalten den Punktwert Null. Die Punkte werden aufaddiert und die Gesamtpunktzahl (max. 16 Punkte) erlaubt eine Schätzung des Risikos des Patienten für ernste Komplikationen innerhalb der nächsten 14 Tage:

  • Gesamtscore 0: geringes Risiko
  • Gesamtscore 1 – 2: mittel
  • Gesamtscore 3 – 4: hoch
  • Gesamtscore 5 – 16: sehr hoch. 

Vergleich mit üblicher Praxis

Die Einstufung der Patienten nach OCRS erfolgte durch speziell geschulte Ärzte. Die Ergebnisse des OCRS wurden archiviert, aber nicht dem Arzt vorgelegt, der die Entscheidung über die Klinikeinweisung oder die Entlassung des jeweiligen Patienten traf.

Ergebnisse

Die 1.415 Teilnehmer waren im Durchschnitt 70,6 Jahr alt. Bei 135 Patienten kam es zu schwerwiegenden Ereignissen. Nach der üblichen Bewertungspraxis erhielten nur 70/135 (51,9%) Patienten, die später schwerwiegende Komplikationen erlitten, eine Klinikeinweisung.

Höhere Sensitivität des OCRS

Bei einem OCRS Gesamtscore von 0 Punkten lag die Ereignisrate bei 4,6% und bei einem Wert von 10 Punkten bei 100%. Hätte der gleichzeitig erhobene OCRS als Grundlage der Entscheidung für die Krankenhauseinweisung gedient, wären bei einem Schwellenwert von einem Punkt 79,3% und einem Schwellenwert von zwei Punkten 71,9% dieser Patienten stationär aufgenommen worden.

Fazit

Einen klaren Grenzwert, ab wann sie eine Klinikeinweisung empfehlen, geben die Autoren des OCRS nicht an, denn in diese Entscheidung sollten auch Faktoren wie die Versorgung zuhause oder die Möglichkeit rasch einen Arzt zu konsultieren, einfließen. Der OCRS kann jedoch nicht nur in der Notaufnahme als zusätzliches Instrument zur Entscheidungsfindung für oder gegen eine Klinikeinweisung dienen, sondern auch in den Praxen niedergelassener Lungenfachärzte, Internisten und Hausärzte [3].

Autor: Barbara Welsch (Medizinjournalistin)

Stand: 12.03.2019

Quelle:
  1. Stiell et al. (2018): Clinical validation of a risk scale for serious outcomes among patients with chronic obstructive pulmonary disease managed in the emergency department. CMAJ 3, DOI: doi.org/10.1503/cmaj.180232
     
  2. The Ottawa Hospital, Pressemitteilung, 13.02.2019
     
  3. Lungeninformationsdienst, News, 18.02.2019
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