Pneumonieverdacht bei Kindern: Röntgen als Entscheidungshilfe

Ein negativer Röntgenbefund spricht bei Kindern gegen eine Pneumonie, so das Ergebnis einer aktuellen Studie. Die Autoren schließen daraus, dass der Verzicht auf eine antibiotische Therapie bei unauffälligem Röntgenbild und schwachem Pneumonieverdacht vertretbar ist.

Kind Husten

Eine unbehandelte bakterielle Pneumonie kann bei Kindern verheerende Folgen haben. Leider bestehen gerade bei der Diagnose dieser Erkrankung häufig große Unsicherheiten, denn die individuellen Symptome können variieren und haben teilweise nur einen geringen prädiktiven Wert. Bei einem Pneumonieverdacht setzen Kliniker daher Röntgenuntersuchungen der Brust als zusätzliches diagnostisches Tool ein. Ein positiver Röntgenbefund kann dann den Pneumonieverdacht erhärten.

Umstrittener negativer Vorhersagewert

Was aber ist mit einem negativen Röntgenbefund? Der Vorhersagewert des unauffälligen Röntgenbildes bei einem Pneumonieverdacht bei Kindern ist bislang umstritten. Kritiker befürchten, dass eine möglichweise notwendige Antibiose ausbleibt, weil röntgenologische Zeichen einer Pneumonie im Frühstadium der Erkrankung oder bei dehydrierten Patienten fehlen könnten.
Aus diesem Grund werden Kinder mit Pneumonieverdacht häufig antibiotisch behandelt, obwohl das Röntgenbild unauffällig ist und keine Hinweise auf eine Pneumonie liefert. Bislang hat keine Studie den prädiktiven Wert negativer Röntgenbefunde bei der Diagnostik des Pneumonie-Verdachts bei Kindern untersucht. Wissenschaftler und Ärzte der Harvard Medical School und des Boston Children´s Hospital haben dies in einer prospektiven Studie [1] nachgeholt.

Ziel der Studie

Die prospektive Beobachtungsstudie hatte zum Ziel, den negativen Vorhersagewert (negative predictive value/NPV) von unauffälligen Röntgenaufnahmen der Lungen bei Kindern mit Pneumonieverdacht zu evaluieren. Die Forscher beobachteten hierzu den Krankheitsverlauf bei Kinder, die aufgrund ihres negativen Röntgenbefundes bei der Pneumoniediagnostik keine Antibiose erhielten.

Ein- und Ausschlusskriterien

Die Studie wurde ab Mai 2015 über 24 Monate in einer großen pädiatrischen Notaufnahme mit mehr als 60.000 Patienten jährlich durchgeführt. Eingeschlossen wurden Kinder im Alter von 3 Monaten bis 18 Jahren, bei denen Röntgenaufnahmen aufgrund eines Pneumonieverdachts durchgeführt wurden. Die Entscheidung für die Röntgenuntersuchung lag dabei bei dem behandelnden Arzt.

Ausgeschlossen wurden Kinder von der Studienteilnahme, wenn

  • sie bereits aufgrund einer Pneumonie oder anderer Erkrankungen antibiotisch behandelt wurden,
  • sie unter chronischen Erkrankungen litten, die prädisponierend für eine Lungenentzündung sind,
  • sie vom behandelnden Arzt als zu schwer erkrankt eingestuft wurden oder
  • ihre Eltern nicht ausreichend gut Englisch sprachen.

Untersuchung der Kinder

Die behandelnden Fachärzte für Pädiatrie untersuchten die Kinder klinisch und dokumentierten alle klinischen Befunde. Dabei lag das besondere Augenmerk der Ärzte auf Pneumonie-Symptome und Symptome, die auf Infektionen hinwiesen, die einer antibiotische Behandlung bedurften, wie zum Beispiel eine Streptokokken-Pharyngitis oder eine Otitis media.
Die Röntgenbilder wurden von einem Facharzt für pädiatrische Radiologie befundet. Die Befunde wurden in Aufnahmen mit definitiven Zeichen einer Pneumonie (positiv), keine Anzeichen für eine Pneumonie (negativ) und zweideutige Befunde kategorisiert. Alle Kinder, deren Aufnahmen zweideutige Befunde aufwiesen, wurden zu den Kindern mit positivem Befund gezählt.
Die Kinder mit negativem Röntgenbefund und schwachen Pneumonieverdacht wurden nicht mit Antibiotika behandelt. Im Anschluss an die Erstuntersuchung wurde der weitere Krankheitsverlauf der Kinder über zwei Wochen verfolgt.

Negativer Vorhersagewert 98,8%

Von 3101 Kindern, die während des Studienzeitraums aufgrund eines Pneumonie-Verdachts geröntgt wurden, konnten 683 in die Studie aufgenommen werden. 186 (27,2%) Kinder wiesen einen positiven oder zweideutigen Röntgenbefund auf. Bei 497 (72,8%) Kindern waren auf den Röntgenaufnahmen keine Hinweise auf eine Pneumonie zu finden. Klinisch wurden in dieser Gruppe jedoch 44 (8,9%) Pneumoniefälle bei der Erstuntersuchung diagnostiziert. Wohingegen 453 (91,1%) der Kinder mit negativem Röntgenbefund auch klinisch keine Zeichen einer Pneumonie aufwiesen. In dieser Gruppe mussten jedoch 42 (9,3%) Kinder aufgrund anderer Infektionen antibiotisch behandelt werden. Es blieben 411 (90,7%) Kinder, bei denen man auf eine antibiotische Behandlung verzichtete. Bei 406 (98,8 %) Kindern ohne Antibiose entwickelte sich auch in der 2-wöchigen Follow-up Periode keine Penumonie. Nur bei 5 (1,2%) Kindern aus dieser Gruppe wurde während der Follow-up Periode (2-3 Tage nach der Erstuntersuchung) eine Pneumonie festgestellt.

Fazit

Die vorliegende Studie zeigt, dass ein negativer Röntgenbefund eine Pneumonie bei den meisten Kindern ausschließt. Der negative Vorhersagewert des Röntgenbefundes lag in der vorliegenden Studie bei 98,8% (95% Konfidenzintervall 97%-99,6%). Die Autoren schließen daraus, dass sich die Mehrzahl der Kinder (ohne spezifische Prädispositionen) mit einem schwachen Pneumonieverdacht und einem negativen Röntgenbefund ohne Antibiose von ihrer Erkrankung erholen werden. Allerdings sollten der Krankheitsverlauf der Kinder sorgfältig beobachtet werden, um bei einer Verschlechterung ihres Zustandes frühzeitig eingreifen zu können.
 

Autor: Barbara Welsch (Medizinjournalistin)

Stand: 27.09.2018

Quelle:

1. Lipsett et al. (2018):  Negative Chest Radiography and Risk of Pneumonia. Pediatrics, e20180236; DOI: 10.1542/peds.2018-0236

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