Rote-Hand-Brief zu Biotin

Biotinhaltige Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel oder diätetische Lebensmittel bergen das Risiko falscher Ergebnisse von Laboruntersuchungen durch Biotininterferenzen.

Rote-Hand-Brief

Die Firmen, die biotinhaltige Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel oder diätetische Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke vermarkten, informieren in Absprache mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) über mögliche Interferenzen von Biotin mit klinischen Laboruntersuchungen.

Zusammenfassung

  • Laboruntersuchungen (klinische Immunassays), deren Testprinzip auf einer Streptavidin‐Biotin‐Wechselwirkung beruht, werden regelmäßig zur Bestimmung einer Vielzahl von Biomarkern, wie z. B. von Hormonen, Herz‐, Tumor‐oder Infektionsmarkern, sowie zur Konzentrationsbestimmung von Arzneistoffen angewendet. Dieses Testprinzip wird von einigen Herstellern auch in der patientennahen Labordiagnostik, dem sogenannten „Point‐of‐Care‐Testing“ (z. B. Troponin), und Screeningtests (z. B. HIV) eingesetzt.
  • Bei Patienten, die biotinhaltige Produkte einnehmen, kann es durch Kompetition mit biotinylierten Reagenzien zu klinisch signifikant falschen Ergebnissen kommen.
  • Abhängig vom jeweiligen Testprinzip, können Laborwerte durch die Einnahme von Biotin falsch erhöht/positiv (kompetitives Testprinzip) oder falsch erniedrigt/negativ (Sandwichprinzip) ausfallen. Dies stellt ein Risiko für verzögerte oder falsche Diagnosestellungen sowie für unnötige oder ausbleibende Behandlungen dar.
  • Besondere Aufmerksamkeit ist vor allem bei einer Hochdosis‐Biotin‐Therapie, bei Patienten mit Niereninsuffizienz, Neugeborenen, Kindern und schwangeren Frauen geboten.

Hintergrund

Aufgrund einer erhöhten Anzahl an Fallberichten von falschen Laborwerten infolge einer kürzlichen oder gleichzeitigen Biotineinnahme, wurde im Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der Europäischen Arzneimittel‐Agentur (EMA) jüngst ein Signalverfahren abgeschlossen, in dem das Risiko von Biotininterferenzen evaluiert wurde. Wir hatten dazu bereits im Februar 2019 informiert.

  • So führten biotinbedingte falsch negative Troponinwerte bei einem Patienten unter Hochdosis‐Biotin‐Therapie beispielsweise zu einer verpassten Diagnose eines Herzinfarkts.
  • Es wurden auch Fälle beschrieben, in denen ein Muster von falsch erhöhten oder falsch niedrigen Schilddrüsenwerten bei Neugeborenen, Kindern und Erwachsenen zur Vortäuschung einer Basedow‐Krankheit führte.
  • Wichtig ist, dass das Auftreten von Interferenzen nicht von dem zu bestimmenden Biomarker, sondern vom angewendeten Testprinzip abhängig ist.
  • Deshalb können, falls vorhanden, bei einem Verdacht auf mögliche Biotininterferenzen, nicht‐biotinylierte Assays angewendet werden.
  • Vor der Durchführung von Streptavidin‐Biotin‐Immunassays erfolgt normalerweise keine Bestimmung der Biotinkonzentration in der Probe und die Probevorbereitung enthält in der Regel keinen Schritt zur Eliminierung der Störsubstanz Biotin. Daher ist die Kommunikation zwischen Apotheker, Patienten, Arzt und den Labormitarbeitenden ausschlaggebend für die Gewährleistung akkurater Testergebnisse.
  • Fälle von klinisch signifikanten Biotininterferenzen mit Laboruntersuchungen (klinischen Immunassays) wurden bei verschiedenen Biotindosierungen beobachtet, allerdings konnte das Risiko bei Dosierungen unter 150 Mikrogramm pro Tag (orale Anwendung) und 60 Mikrogramm pro Tag (parenterale Anwendung) aufgrund der unzureichenden Datenlage vom PRAC nicht abschließend bewertet werden.
  • Biotin wird überwiegend über den Urin ausgeschieden. Deshalb ist bei Patienten mit Niereninsuffizienz von höheren Biotinkonzentrationen im Blut, längeren Halbwertszeiten und demnach einem erhöhten Risiko für klinisch signifikante Interferenzen auszugehen.

Änderung von Fach- und Gebrauchsinformation

Für Arzneimittel zum Einnehmen, die ≥ 150 Mikrogramm Biotin pro Dosiseinheit enthalten, und Arzneimittel zur parenteralen Anwendung, die ≥ 60 Mikrogramm Biotin pro Dosiseinheit enthalten wird auf Empfehlung des PRAC die Fachinformation wie folgt aktualisiert (die Gebrauchsinformationen werden dementsprechend überarbeitet):

4.4. Besondere Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen für die Anwendung

Auswirkung auf klinische Laboruntersuchungen

Biotin kann Auswirkungen auf Laboruntersuchungen haben, die auf einer Wechselwirkung zwischen Biotin und Streptavidin beruhen und die in Abhängigkeit von der Untersuchungsmethode entweder zu falsch erniedrigten oder falsch erhöhten Untersuchungsergebnissen führen können. Das Risiko von Auswirkungen ist bei Kindern und Patienten mit Niereninsuffizienz erhöht und steigt mit höheren Dosen. Bei der Interpretation der Ergebnisse der Laboruntersuchungen muss eine mögliche Auswirkung des Biotins berücksichtigt werden, insbesondere wenn eine Unstimmigkeit mit dem klinischen Bild beobachtet wird (z. B. Ergebnisse von Schilddrüsenuntersuchungen, die scheinbar auf Morbus Basedow hinweisen, bei asymptomatischen Patienten, die Biotin einnehmen oder falsch negative Troponintestergebnisse bei Patienten mit Herzinfarkt, die Biotin einnehmen). Sofern der Verdacht auf eine Beeinflussung durch Biotin besteht, sollten -  sofern verfügbar - alternative Untersuchungen, die für Auswirkungen des Biotins nicht anfällig sind, verwendet werden. Bei der Anforderung von Laboruntersuchungen bei Patienten, die Biotin einnehmen, sollte das Laborpersonal konsultiert werden.

Handlungsempfehlungen

Folgende Handlungsempfehlungn werden gegeben, um mögliche Störungen von Laboruntersuchungen durch Biotin rechtzeitig zu erkennen und vorzubeugen:

Ärzte

  • Befragen Sie Ihre Patienten über eine mögliche Einnahme von Biotin, ehe eine Beauftragung von Laboruntersuchungen stattfindet.
  • Halten Sie Rücksprache mit dem Labor, um akkurate Laborwerte zu gewährleisten, wenn die Patienten Biotinpräparate einnehmen oder vor kürzerer Zeit eingenommen haben.
  • Prüfen Sie vor der Durchführung einer patientennahen Diagnostik, ob biotinylierte Reagenzien im angedachten Test eingesetzt werden.
  • Die Möglichkeit einer Biotininterferenz sollte in Betracht gezogen werden, falls eine Diskrepanz zwischen den Laborwerten und den klinischen Symptomen oder anderen Untersuchungen beobachtet wird.

Apotheker

  • Informieren Sie Ihre Patienten bei der Abgabe von biotinhaltigen Produkten über das Risiko verfälschter Laborwerte. (Beachten Sie aber dabei die vielfältigen Anwendungsbereiche von Biotin als Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel.)

Labormitarbeitende

  • Falls die Probe im Labor entnommen wird, sollte eine Routinebefragung der Patienten über eine mögliche Einnahme von Biotin stattfinden.
  • Falls das Risiko einer Biotininterferenz besteht, sollten Methoden, die nicht für Störungen durch Biotin anfällig sind, bevorzugt werden.
  • Alternativ können die Untersuchungen in einem anderen Labor durchgeführt bzw. in Auftrag gegeben werden, welches über entsprechende Testsysteme verfügt.
  • Untersuchungen können nach Absetzen des Präparats (und einer entsprechenden Zeit) wiederholt werden.
  • Die variable Pharmakokinetik von Biotin und die spezifischen Interferenz‐Schwellenwerte (Biotinkonzentrationen) der jeweiligen Immunassays sind zu beachten.
  • Schulungen des medizinischen Fachpersonals über laboreigene Testsysteme, die einer Biotininterferenz unterliegen könnten, sowie Hinweise über eine mögliche Biotininterferenz im übermittelten Laborbefund sind zu empfehlen.

Weiterführende Informationen zum Mechanismus der Biotininterferenz, die potenziell betroffenen Biomarker sowie die Relevanz im klinischen Alltag finden Sie im Bulletin zur Arzneimittelsicherheit des BfArfM vom Dezember 2018.

Alle biotinhaltigen Arzneimittel zum Einnehmen sowie Nahrungsergänzungsmittel oder diätetische Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke, die ≥ 150 Mikrogramm Biotin pro Dosiseinheit enthalten, und Arzneimittel zur parenteralen Anwendung, die ≥ 60 Mikrogramm Biotin pro Dosiseinheit enthalten, und von diesem Rote-Hand-Brief betroffen sind, sind dem beigefügten Dokument zu entnehmen. Diese Liste ist federführend von den aufgeführten Firmen erstellt worden.

PDFRote-Hand-Brief Biotin

Autor: Ellen Reifferscheid (Apothekerin)

Stand: 15.05.2019

Quelle:

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)

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