Rote-Hand-Brief

Die Aktualisierungen zu Teratogenität und neuropsychiatrischen Erkrankungen, über die die Zulasssungsinhaber in Absprache mit der Europäischen Arzneimittel Agentur (EMA) und dem Bundesinstitut für Arzniemittel und Medizinprodukte (BfArM) informieren, betreffen die folgenden Retionide:

Zusammenfassung der Aktualisierungen zu Teratogenität und neuropsychiatrischen Nebenwirkungen

Teratogenität

  • Orale Retinoide sind stark teratogen und dürfen während der Schwangerschaft nicht eingenommen werden. Für orales Tretinoin in der onkologischen Indikation ist jedoch ein Einsatz bei klinischer Dringlichkeit einer Therapie auch bei Schwangeren zulässig.
  • Die oralen Retinoide Acitretin, Alitretinoin und lsotretinoin dürfen bei allen Frauen im gebärfähigen Alter nur unter Einhaltung des Schwangerschaftsverhütungsprogramms angewendet werden.
  • Besprechen Sie die Risiken oraler retinoidhaltiger Arzneimittel anhand des aktualisierten Schulungsmaterials mit den Patientinnen, bevor Sie orales Acitretin, Alitretinoin oder lsotretinoin verschreiben.
  • Als Vorsichtsmaßnahme sind topische Retinoide bei Schwangeren oder Frauen, die eine Schwangerschaft planen, ebenfalls kontraindiziert.

Neuropsychiatrische Erkrankungen

  • In seltenen Fällen wurde über Depressionen oder über durch Depressionen verstärkte Angststörungen und über Stimmungsschwankungen unter der Einnahme oraler Retinoide berichtet.
  • Informieren Sie Patienten, die orale Retinoide einnehmen, dass sie Veränderungen ihrer Stimmung und/oder des eigenen Verhaltens entwickeln könnten. Die Patienten und ihre Angehörigen sollten diesbezüglich aufmerksam sein und bei Auftreten derartiger Veränderungen mit dem behandelnden Arzt sprechen.
  • Überwachen Sie alle mit oralen Retinoiden behandelten Patienten bezüglich etwaiger Anzeichen oder Symptome von Depressionen und sorgen Sie, falls erforderlich, für eine angemessene Behandlung. Besondere Aufmerksamkeit ist bei Patienten erforderlich, die in der Vergangenheit bereits unter Depressionen litten

Hintergrund zu den Sicherheitsbedenken

Retinoidhaltige Arzneimittel sind in oralen und topischen Darreichungsformen verfügbar. Sie werden weit verbreitet zur Behandlung von verschiedenen Formen der Akne, von schweren chronischen Handekzemen, die nicht auf Kortikosteroide ansprechen, sowie von schweren Formen der Psoriasis oder Verhornungsstörungen eingesetzt.

Tretinoin kann auch bei Promyelozytischer Leukämie und Bexaroten für die Behandlung von Hautmanifestationen bei fortgeschrittenem kutanen T-Zell-Lymphom angewendet werden.

Alitretinoin wird außerdem zur topischen Behandlung von Hautläsionen bei Patienten mit AIDS-bedingtem Kaposisarkom eingesetzt.

Nach einer kürzlich durchgeführten ausführlichen Überprüfung aller relevanten Daten hat der Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) die für Patienten und Fachkreise bestimmten Hinweise (Produktinformationen und Schulungsmaterial) in Bezug auf Teratogenität und neuropsychiatrische Erkrankungen aktualisiert.

Teratogenes Risiko

Orale Retinoide (Acitretin, Alitretinoin, Bexaroten, lsotretinoin und Tretinoin) sind stark teratogen. Die Behandlung von Frauen im gebärfähigen Alter mit oralem Acitretin, Alitretinoin und lsotretinoin muss unter Einhaltung des Schwangerschaftsverhütungsprogramms erfolgen. Für Bexaroten und orales Tretinoin wird angenommen, dass die derzeit vorhandenen Maßnahmen vor dem Hintergrund der onkologischen Indikationen, der Betreuung durch Spezialisten in der Klinik und der Zielgruppe ausreichend sind und ein Schwangerschaftsverhütungsprogramm nicht erforderlich ist. Für orales Tretinoin ist in der onkologischen Indikation ein Einsatz bei klinischer Dringlichkeit einer Therapie auch bei Schwangeren zulässig.

Bei der Überprüfung wurden auch die verfügbaren Daten zur Sicherheit topischer Retinoide (Adapalen, Alitretinoin, lsotretinoin, Tazaroten und Tretinoin) während der Schwangerschaft beurteilt. Die Daten zeigen, dass eine systemische Verfügbarkeit dieser Stoffe nach topischer Anwendung vernachlässigt werden kann und schädliche Wirkungen auf den Fötus unwahrscheinlich sind.

Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass der Mensch zu den empfindlichsten Spezies in Bezug auf Retinoidtoxizität gehört. Vor diesem Hintergrund wird ein sehr vorsichtiger Ansatz als angemessen erachtet, weshalb die Anwendung topischer Retinoide während der Schwangerschaft oder bei geplanter Schwangerschaft kontraindiziert ist.

Neuropsychiatrische Erkrankungen

Depressionen, durch Depressionen verstärkte Angststörungen sowie Stimmungsschwankungen wurden im Zusammenhang mit der Behandlung mit oralen Retinoiden berichtet. Die vorhandene Evidenz aus publizierter Literatur und Einzelfallberichten zeigt widersprüchliche Ergebnisse. Veröffentlichte Studien weisen eine Reihe von Einschränkungen auf. Daher war es nicht möglich, einen eindeutigen Anstieg des Risikos für psychiatrische Erkrankungen bei Patienten unter oraler Retinoidbehandlung im Vergleich zu nicht damit behandelten Personen nachzuweisen. Darüber hinaus ist bekannt, dass Patienten mit schweren Hauterkrankungen an sich ein erhöhtes Risiko für psychiatrische Erkrankungen haben. Es wird empfohlen, Patienten, die orale Retinoide einnehmen, auf das mögliche Auftreten einer veränderten Stimmungslage sowie von Verhaltensänderungen hinzuweisen und ihnen zu empfehlen, einen Arzt aufzusuchen, falls derartige Reaktionen auftreten. Jeder Patient mit Anzeichen einer Depression muss, soweit erforderlich, eine angemessene Behandlung erhalten. Patienten mit Depressionen in der Vorgeschichte bedürfen besonderer Aufmerksamkeit im Zuge einer oralen Retinoidtherapie. Bei allen Patienten muss generell auf Anzeichen einer Depression geachtet werden.

Anlässlich der Überprüfung wurde auch der Zusammenhang mit topischen Retinoiden (Adapalen, Alitretinoin, lsotretinoin, Tazaroten und Tretinoin) untersucht. Die vorhandenen Daten unterstützen, dass die systemische Exposition als Folge topischer Behandlung vernachlässigbar ist und ein daraus resultierendes Risiko psychiatrischer Erkrankungen daher unwahrscheinlich ist.

Die Produktinformationen wurden unter Einbeziehung der Ergebnisse dieser Bewertung aktualisiert. Die Schulungsmaterialien zum teratogenen Risiko der oralen Retinoide Acitretin, Alitretinoin und lsotretinoin wurden ebenfalls aktualisiert.

Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem beigefügten Rote-Hand-Brief.

PDFRote-Hand-Brief Retinoide

Autor: Ellen Reifferscheid (Apothekerin)

Stand: 03.09.2019

Quelle:

Rote-Hand-Brief zu Retinoid-haltigen Arzneimitteln vom 03.09.19, abgerufen bei der AMK