Schmerzen und Schmerztherapie: Häufig gestellte Patientenfragen

Der Begriff Schmerztherapie ist nicht geschützt, prinzipiell kann sich jeder als Schmerztherapeut bezeichnen. Wo finde ich einen guten auf Schmerztherapie spezialisierten Arzt?

Gesetzliche Richtlinie

Bei der Suche nach einem qualifizierten Schmerzspezialisten helfen die jeweils für die einzelnen Bundesländer zuständigen Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) und Ärztekammern. Ein darüber zertifizierter Schmerztherapeut trägt die verbandsinterne Zusatzbezeichnung Algesiologe DGSS/STK. Die Qualifikation innerhalb der Landes- Ärztekammern setzt eine abgeschlossene Facharztausbildung voraus. Die Zusatzbezeichnung „Spezielle Schmerztherapie“ wird nur nach einer einjährigen vollzeitigen Ausbildung in einer dafür akkreditierten Fachabteilung mit abschließender Prüfung vor der Ärztekammer erteilt. Darüber hinaus kann Ärzten mit der Zusatzbezeichnung „Spezielle Schmerztherapie“ die Genehmigung erteilt werden, an der Schmerztherapievereinbarung teilzunehmen. Das ist eine besondere Qualitätssicherungsvereinbarung zur schmerztherapeutischen Versorgung von Patienten mit chronischer Schmerzerkrankung.

Des Weiteren vergeben die beiden großen deutschen Schmerzgesellschaften eigene Qualifikationsbezeichnungen. Diese sind jedoch nicht an die Voraussetzungen der Ärztekammern geknüpft. Im Unterschied dazu können die Qualifikationsbezeichnungen berufsbegleitend, unzusammenhängend und über mehrere Jahre erworben werden. Nach erfolgreicher Teilnahme vergeben auch die Schmerzgesellschaften ihre Qualifikationsbezeichnungen nur nach einer Abschlussprüfung.

Werden die Kosten für jede Schmerztherapie von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen?

Ja, eine indizierte Schmerztherapie wird von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Es gibt jedoch Verfahren und Methoden, die nicht im Leistungsverzeichnis der gesetzlichen Krankenkassen (EBM) aufgeführt sind. Diese Methoden sind entweder in ihrer Wirksamkeit umstritten, noch zu neu und unbekannt oder zu unwirtschaftlich und kostenintensiv. Die jeweilige Krankenkasse gibt gern Auskunft, welche schmerztherapeutischen Leistungen erstattungsfähig sind.

Schmerzmittel sollten regelmäßig nach festen Uhrzeiten und nicht nach Bedarf eingenommen werden. Warum ist das so?

Schmerzmittel sollen den Schmerz kontinuierlich unterdrücken und gleichmäßig lindern. So werden rezidivierende Schmerzspitzen verhindert und das Nervensystem beruhigt. Zudem wird der Entwicklung eines Schmerzgedächtnisses vorgebeugt. Deshalb sollte vorzugsweise vor Ablauf der Wirkung eine erneute Dosis eingenommen werden.

Was bedeutet Schmerzgedächtnis, wie bildet es sich aus und wie kann man es verhindern?

Das sogenannte Schmerzgedächtnis entwickelt sich aus ehemaligen akuten Schmerzen und entsprechenden Schmerzerfahrungen. Neuronale Zellverbände verändern sich, wenn Schmerzen redundant wiederkehren oder dauerhaft bestehen bleiben. Schmerzleitende Nervenzellen mit lebenserhaltenden, warnenden Eigenschaften wandeln sich zu autarken schmerzproduzierenden Neuronen. Diese melden dem Gehirn Schmerzen, ohne dass eine Ursache zu ermitteln ist. Die Schmerzentstehung liegt also im Neuron selbst. Dabei kann nicht mehr differenziert werden, ob eine Gewebeschädigung den Schmerz auslöst oder ein verändertes Neuron Ursache ist.

Die Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses verhindert man am besten, indem akute Schmerzen suffizient und schnell behandelt werden. Wichtig dabei ist eine rasche und vor allem effektive Schmerztherapie, beispielsweise nach Unfällen, vor und nach Operationen, bei Verbandswechseln oder vor schmerzhaften diagnostischen Eingriffen.

Ist eine Urlaubsreise auch als Schmerzpatient möglich?

Selbstverständlich können Schmerzpatienten in den Urlaub fahren. Häufig aber haben sie Angst, wie sich der Schmerz in ungewohnter Umgebung oder auf Reisen verändert. Dazu kommt die Sorge vor Zoll- und Polizeikontrollen sowie der ärztlichen Versorgung im Ausland. Doch Schmerzpatienten gibt es nicht nur im eigenen Land – ebenso gibt es fast überall qualifizierte Arztpraxen und gut ausgestattete medizinische Zentren. Werden die Zollbestimmungen für Medikamente, die medizinischen Gegebenheiten am Urlaubsort und die ärztliche Versorgung im Ausland frühzeitig vor Beginn einer Reise abgeklärt, steht einem Urlaub als Schmerzpatient nichts mehr im Wege.

Allgemeine Regeln:

  • Medikamentenmenge im Gepäck nicht zu knapp berechnen, da durch unvorhersehbare Ereignisse (Verspätungen, Flugausfälle, Streiks etc.) eine Reise länger als geplant dauern kann
  • bei Flugreisen einen ausreichenden Vorrat im Handgepäck mitführen, falls es Probleme mit der Gepäckzustellung gibt
  • Medikamente am besten in Originalverpackung mit Beipackzettel bei sich tragen
  • Abklären, ob sich Reisemedikamente (z.B. gegen Übelkeit, Durchfall, Flugangst etc.) mit der ständigen Medikation vertragen
  • Telefonnummer des behandelnden Schmerztherapeuten griffbereit halten
  • Informationen (in Englisch und der Landessprache des Urlaubsziels) über Erkrankung, Medikamente, Unverträglichkeiten und Verhalten im Notfall bei sich führen
  • Empfehlenswert ist der Abschluss einer Auslandskrankenversicherung mit Rückholdienst im Notfall.

Kann ich als Schmerzpatient einen Behindertenausweis beantragen?

Ab einem Grades der Behinderung (GdB) von 50 besteht die Möglichkeit, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. Der Antrag auf einen Schwerbehindertenausweis erfolgt vom Patienten beim Versorgungsamt, in einigen Bundesländern auch Amt für soziale Dienste genannt. Diese entscheiden über die Höhe des Behinderungsgrades und etwaiger Merkzeichen. Nach der Feststellung des GdB bekommt der Antragsteller vom Versorgungsamt einen so genannten Feststellungsbescheid. Die Feststellung richtet sich in der Regel nach der Grunderkrankung und Begleitsymptomatik.

Machen Schmerzmittel, die nur auf Betäubungsmitteln verordnet werden dürfen, abhängig?

Nach wie vor fürchten viele Patienten - und manche Ärzte, dass die dauerhafte Opioidtherapie abhängig macht. Die Furcht vor einer psychischen Abhängigkeit ist aber bei chronischen Schmerzpatienten unter der Führung von erfahrenen Schmerztherapeuten unbegründet. Erstens setzen die meisten verwendeten Arzneimittel die Opioide nur langsam frei, es gibt also keinen akuten Rausch. Außerdem sind bei regelmäßiger Einnahme der Basismedikation die Opioid-Rezeptoren kontinuierlich belegt, auch deshalb hat die nächste Dosis keine plötzlich euphorisierende Wirkung. Wichtig dafür ist jedoch, dass Dosis und Uhrzeit im festgelegten therapeutischen Rhythmus abgewendet werden. Wird die nächste Dosis zu früh eingenommen, wenn die letzte noch wirkt, können vermehrt Nebenwirkungen auftreten. Bei verspäteter Einnahme drohen nicht nur vermehrte Schmerzen, sondern auch körperliche Entzugserscheinungen wie Zittern, Übelkeit oder Schwitzen. Daher dürfen Opioide auch niemals abrupt abgesetzt werden. Falls es möglich wird, eine Opioidtherapie zu beenden, darf dies nur langsam ausschleichend erfolgen und sollte möglichst unter ärztlicher Kontrolle geschehen.

Muss ich meinen Führerschein abgeben, wenn ich Schmerzmittel auf Betäubungsmittelrezept bekomme?

Ein ganz klares Nein. Auch Schmerzpatienten, die opioide Analgetika erhalten, dürfen aktiv am Straßenverkehr teilnehmen. Eine suffiziente und stabile Schmerz-Einstellung ermöglicht sogar häufig die Fahrtüchtigkeit erst wieder. Neben der Einschätzung eines erfahrenen Schmerztherapeuten, kann ein Test am Fahrsimulator die Entscheidung über eine ausreichend gute Fahrtüchtigkeit unterstützen. Selbstverständlich ist aber auch ein Schmerzpatient (so wie jeder Bürger) dazu verpflichtet, vor Antritt einer Fahrt über die eigene Fahrtüchtigkeit zu entscheiden. Zudem gibt es Situationen und Umstände, die die aktive Straßenverkehrsteilnahme einschränken. Dazu gehören:

  • Ein- und Ausschleichen einer Opioid-Therapie
  • Anpassung und Änderung der Dosis (sowohl Erhöhung als auch Reduktion)
  • akute Schmerzspitzen und unkontrollierbare Schmerzattacken (Durchbruchschmerzen)
  • 24 Stunden nach der Einnahme von Bedarfsanalgetika
  • Schwindel, erhöhte Müdigkeit, Benommenheit, Seh-, Kreislauf- und Gleichgewichtsstörungen
  • Beeinträchtigung der Motorik - sei es durch die Schmerzmitteleinnahme oder durch die Grundkrankheit
  • Einschränkung von Konzentration, Reaktionsvermögen und Orientierung
  • Therapie-Eigenmächtigkeit (Dosisänderung ohne ärztlichen Rat oder selbständiges Absetzen von Medikament)
  • Konsum von Alkohol und anderen Rauschmitteln
  • Suchtkrankheiten.



Cave: Auch Schmerzen können eine Gefährdung im Straßenverkehr sein. Es gibt Untersuchungen zur Fahrtüchtigkeit von Patienten mit unbehandelten Schmerzen, in denen sie im Vergleich zur gesunden Durchschnittsbevölkerung schlechter abschneiden. Dabei zeigte sich, dass Schmerzen die Fähigkeit, sich auf den Straßenverkehr zu konzentrieren und adäquat zu reagieren, erheblich beeinträchtigen können.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 22.02.2018

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