Stationäre multimodale Schmerztherapie

Die stationäre multimodale Schmerztherapie umfasst hochintensive, interdisziplinäre Behandlungsstrategien für einen besseren Umgang mit chronischen Schmerzzuständen und chronifizierten Schmerzsyndromen. Ziel der Therapie ist neben der bestmöglichen Schmerzfreiheit die Wiederherstellung einer objektiven und subjektiven physischen Funktionsfähigkeit (functional restoration) mit Wiedererlangung der psychischen Kontrollfähigkeit und des Kompetenzgefühls.

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Die stationäre multimodale Schmerztherapie umfasst standardisierte Behandlungsprogramme, die in Einzel- und/oder Gruppensitzungen erfahren, erlernt und umgesetzt werden. Dazu gehören unter anderem multimodale pharmakotherapeutische Ansätze, somatische, physiotherapeutische, kognitive, emotionale und soziale Maßnahmen sowie biografisches Arbeiten. Der Klinikaufenthalt sollte mindestens sieben Tage betragen. Nach einem Aufnahme-Assessment mit ärztlicher Untersuchung und Befundauswertung wird in den meisten Schmerzkliniken das Therapieziel festgelegt und ein individueller Behandlungsplan erstellt. Anschließend berät ein integratives und interdisziplinäres Therapeutenteam über ein multimodales, fachübergreifendes Behandlungskonzept. Die therapeutische Überlegenheit dieses Behandlungskonzepts gegenüber rein pharmakologischen oder psychotherapeutischen Maßnahmen wurde bereits mehrfach in unabhängigen Untersuchungen belegt. Zudem wird dessen Nachhaltigkeit als sehr hoch eingestuft.

Indikationen

Eine stationäre multimodale Schmerztherapie ist bei vielen chronischen anhaltenden und rezidivierenden Schmerzen indiziert, wenn eine unimodale oder multidisziplinäre ambulante Therapie zu keinem ausreichend zufriedenstellenden Erfolg geführt hat. Mitunter kann ein solcher Klinikaufenthalt auch dazu beitragen, eine Chronifizierung von Schmerzen frühzeitig zu verhindern. Krankheitsbilder mit hohem Chronifizierungs-Potential sind Kopf- und Gesichtsschmerzen, Rückenschmerzen, viszerale Schmerzsyndrome, muskoloskelettale Schmerzen, neuropathische und ischämische Schmerzen, Fibromyalgie, Tumorschmerzen, psychogene Schmerzerkrankungen und degenerativ bedingte Schmerzen.

Voraussetzung für eine stationäre multimodale Schmerztherapie

Halten die Beschwerden im Rahmen chronischer Schmerzen oder eines chronischen Schmerzsyndroms länger als sechs Wochen an, sollte sorgfältig geprüft werden, ob eine stationäre multimodale Schmerztherapie den Chronifizierungsprozess stoppen kann. Nach erfolgloser ambulanter Therapie über einen Zeitraum von zwölf Wochen (und darüber hinaus), sollten Schmerzpatienten über die Möglichkeit einer Hospitalisierung informiert werden.

Folgende Kriterien gelten als Voraussetzung für eine stationäre multimodale Schmerztherapie:

auf somatischer Ebene

  • erhebliche Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit infolge von Schmerzen, Funktionsstörungen und/oder schmerzbedingte Verhaltensänderung
  • Schmerz-Generalisation (weitere Schmerzlokalisationen, intensivere und häufigere Schmerzattacken)
  • Zunahme des Medikamentenverbrauchs
  • Zunahme von Komorbiditäten
  • Diskrepanz zwischen subjektivem Befinden und somatischen Befunden
  • erhöhte psychophysische Reagibilität mit unspezifischen, organisch nicht erklärbaren Beschwerden
  • Differenz zwischen objektivierbarer Schädigung und subjektiv empfundener Beeinträchtigung

auf psychischer Ebene  

  • depressive Symptomatik: ausgeprägtes Gefühl von Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit, Schwingungsverlust, Entwertungsgefühl, Labilität
  • Angstsymptome (Bewegungsangst, Phobien, generalisierte Angst)
  • Somatisierung emotionaler Konflikte und/oder psychosozialer Probleme
  • maladaptative Kognitionen und Bewältigungsstrategien wie Durchhalte- oder Vermeidungsverhalten

auf sozialer Ebene

  • häufige Inanspruchnahme medizinischer Versorgungssysteme, vermehrter schmerzbedingter Arbeitsausfall
  • Einschränkung sozialer Aktivitäten
  • zunehmendes Konfliktpotential innerhalb der Familie, im Freundeskreis und/oder am Arbeitsplatz
  • Interessenverlust und Vernachlässigung von Freunden und Sozialkontakten.

Behandlungsmethoden

Das stationäre multimodale schmerztherapeutische Konzept umfasst interdisziplinäre Behandlungsmethoden. Dabei werden mindestens zwei Fachdisziplinen einbezogen, eine davon aus dem psychologischen, psychosomatischen und psychiatrischen Sektor. Diese werden von anderen Therapieverfahren ergänzt. Basis eines multimodalen Behandlungskonzepts ist in der Regel die Pharmakotherapie (Einstellung, Umstellung oder Absetzen von Medikamenten, Injektions- und Infiltrationsverfahren), Physiotherapie (Krankengymnastik, Bewegungs- und Muskelaufbautraining, Rückenschule), physikalische Therapie (Bewegungsbad, Massagen, Wärme, Elektrotherapie), Psychotherapie (insbesondere Verhaltenstherapie), Akupunktur/Akupressur, Musik-, Mal- und Tanztherapie, Ergotherapie, Entspannungsverfahren, Arbeitsplatz-Training und Sozialberatung.

Begutachtungsleitfaden zur vollstationären multimodalen Schmerztherapie aktualisiert

Im Dezember 2017 wurde der in 2012 erstellte Begutachtungsleitfaden zur vollstationären multimodalen Schmerztherapie aktualisiert und grundlegend erneuert. „Krankenhäuser, Krankenkassen und die Gutachter der Medizinischen Dienste haben nun erneut eine aktuelle gemeinsame und bundesweit einheitliche Basis und finden Unterstützung bei leistungsrechtlichen Fragen", sagte Prof. Dr. Dr. Joachim Nadstawek, Vorsitzender des Berufsverbands der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin.

 

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 22.02.2018

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