Anakinra

Anakinra ist ein Immunsuppressivum der Gruppe der Interleukin-Inhibitoren. Es kann bei Erwachsenen, Jugendlichen, Kindern und Kleinkindern ab acht Monaten eingesetzt werden.

Anwendung

Anakinra ist bei Erwachsenen in Kombination mit Methotrexat zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis (RA) indiziert, wenn eine Therapie mit Methotrexat alleine nicht den gewünschten Erfolg bringt.

Darüber hinaus kann Anakinra zur Behandlung von Cryopyrin-assoziierten periodischen Syndromen (CAPS) bei Erwachsenen, Jugendlichen, Kindern und Säuglingen ab 8 Monaten mit einem Körpergewicht von mindestens 10 kg eingesetzt werden, einschließlich Neonatal-Onset Multisystem Inflammatory Disease (NOMID)/Chronisches infantiles neuro-kutaneo-artikuläres Syndrom (CINCA), Muckle-Wells-Syndrom (MWS) und Familiäres kälteinduziertes autoinflammatorisches Syndrom (FCAS). Seit 2018 ist Anakinra auch indiziert bei Erwachsenen, Jugendlichen, Kindern und Kleinkindern ab acht Monaten mit einem Körpergewicht von 10 kg und mehr zur Behandlung des Still-Syndroms einschließlich der systemischen juvenilen idiopathischen Arthritis (SJIA) und des Morbus Still des Erwachsenen (AOSD, Adult-onset Still’s disease) mit aktiven systemischen Merkmalen von moderater bis hoher Krankheitsaktivität oder bei Patienten mit fortbestehender Krankheitsaktivität nach Behandlung mit nicht-steroidalen Antirheumatika (NSARs) oder Glukokortikoiden.

Der Wirkstoff kann als Monotherapie oder in Kombination mit anderen anti-inflammatorischen Medikamenten und Basistherapeutika wie z. B. Methotrexat angewendet werden.

Pharmakologie

Pharmakodynamik (Wirkung)

Anakinra ist ein rekombinanter Interleukin-1-Rezeptorantagonist. Mit Ausnahme der fehlenden Glykosilierung und eines zusätzlichen Methioninrestes ist er mit einem physiologischen IL-1-Rezeptorantagonisten identisch. Anakinra bindet an den Interleukin (IL) -Rezeptor vom Typ 1, der in vielen Geweben und Organen exprimiert wird. Dort hemmt er die biologische Aktivität von IL-1α und IL-1β. IL-1 spielt als Botenstoff eine zentrale Rolle in entzündlichen und autoinflammatorischen Erkrankungen. IL-1β spielt neben Tumornekrosefaktor (TNF) α eine Schlüsselrolle in der Pathogenese der Entzündungsreaktion verschiedener rheumatologischer Erkrankungen.

Pharmakokinetik

Nach einer subkutanen Bolusinjektion von 70 mg liegt die absolute Bioverfügbarkeit von Anakinra bei gesunden Probanden (n = 11) bei 95%.

Der limitierende Faktor für die Geschwindigkeit der Elimination von Anakinra aus dem Plasma nach subkutaner Injektion ist der Absorptionsprozess.

Anakinra wird primär über die Niere ausgeschieden. Die Clearance von Anakinra steigt offenbar mit zunehmender Kreatinin-Clearance und zunehmendem Körpergewicht. Eine pharmakokinetische Populationsanalyse ergab, dass Alter und Geschlecht nach Einstellung bzgl. der Kreatinin-Clearance und des Körpergewichts keine signifikanten Faktoren für die mittlere Plasma-Clearance darstellen. Eine Dosisanpassung nach Alter oder Geschlecht ist nicht erforderlich.

Maximale Plasmakonzentrationen von Anakinra werden nach subkutaner Gabe innerhalb von 3 bis 7 Stunden in klinisch relevanten Dosen (1 bis 2 mg/kg; n = 18) erreicht. Die Plasmakonzentration scheint ohne erkennbare Verteilungsphase zu sinken. Die terminale Halbwertszeit beträgt 4 bis 6 Stunden.

Bei Patienten mit RA wurde nach täglicher subkutaner Gabe für bis zu 24 Wochen keine unerwartete Kumulation von Anakinra beobachtet.

Das pharmakokinetische Profil bei Patienten mit CAPS gleicht im Allgemeinen jenem bei Patienten mit RA.

Pharmakokinetische Studiendaten zu Kindern < 4 Jahren liegen nicht vor. Es liegen jedoch klinische Erfahrungen bei Kindern ab einem Alter von 8 Monaten vor. Bei Therapiebeginn mit der empfohlenen Tagesdosis von 1 – 2 mg/kg ergaben sich keine Sicherheitsbedenken.

Leberfunktionsstörung

Daten sprechen dafür, dass keine Dosisanpassung bei Patienten mit einer Leberfunktionsstörung Child-Pugh-Klasse B erforderlich ist.

Nierenfunktionsstörung

Mit abnehmender Nierenfunktion vermindert sich die Clearance von Anakinra aus dem Plasma. Bei Patienten mit leichter Niereninsuffizienz (Kreatinin-Clearance 50 bis 80 ml/Minute) ist aber in der Regel keine Dosisanpassung erforderlich. Bei mäßiger Niereninsuffizienz sollte die Anwendung mit Vorsicht erfolgen. Bei schwerer und terminaler Niereninsuffizienz sollte erwogen werden, die verordnete Dosis nur jeden 2. Tag anzuwenden.

Dosierung

Die empfohlene Dosierung für Erwachsene ist eine subkutane Gabe von 100 mg/Tag. Kindern sollte der Wirkstoff mit 1-2 mg/kg Körpergewicht/Tag (Tagesmaximaldosis 100 mg) subkutan verabreicht werden.

Nebenwirkungen

Anakinra zeichnet sich durch ein gutes Sicherheitsprofil aus. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Reaktionen an der Einstichstelle, Kopfschmerzen und eine Erhöhung des Gesamtcholesterins.

Einige Patienten entwickeln Antikörper gegen Anakinra. In Studien war dies nicht mit klinisch unerwünschten Reaktionen oder einer verminderten Wirksamkeit assoziiert.

Das Gesamtsicherheitsprofil bei Patienten mit CAPS oder Still-Syndrom unterscheidet sich im Wesentlichen nicht von jenem bei Patienten mit RA. Daher trifft die untenstehende Aufstellung der Nebenwirkungen nach ihrer Häufigkeit auf die Behandlung mit Anakinra sowohl für Patienten mit RA als auch für diejenigen mit CAPS und Still-Syndrom zu:

Sehr häufig:

  • Kopfschmerzen
  • Reaktionen an der Einstichstelle (können sich in Form von Erythem, Ekchymose, Entzündung und Schmerzen äußern, sind meist leicht bis mäßig stark ausgeprägt und normalerweise vorübergehend)
  • erhöhter Cholesterinspiegel im Blut.

Häufig:

  • schwerwiegende Infektionen
  • Neutropenie
  • Thrombozytopenie.

Gelegentlich:

  • allergische Reaktionen, einschließlich anaphylaktischer Reaktionen, Angioödeme, Urtikaria und Pruritus
  • erhöhte Leberenzyme (in der Regel vorübergehend und nicht mit einem Leberzellschaden verbunden)
  • Ausschlag.

Nebenwirkungen mit unbekannter Häufigkeit:

  • nichtinfektiöse Hepatitis.

Kinder und Jugendliche

Das Sicherheitsprofil bei pädiatrischen Patienten gleicht jenem von Erwachsenen. Bisher wurden keine neuen Nebenwirkungen von klinischer Relevanz beobachtet. Mit der Ausnahme von Infektionen und damit einhergehenden Symptomen, die bei Patienten < 2 Jahren häufiger auftraten, war das Sicherheitsprofil in allen pädiatrischen Altersgruppen gleich.

Wechselwirkungen

Es gibt keine gezielten klinischen Studien zur Untersuchung von Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln. In klinischen Studien wurden keine Interaktionen zwischen Anakinra und anderen Arzneimitteln (einschließlich nichtsteroidaler Antirheumatika, Glukokortikoiden und Basistherapeutika) beobachtet.

Gleichzeitige Behandlung mit Anakinra und TNF-α-Antagonisten

Die gemeinsame Anwendung von Anakinra und Etanercept führte im Vergleich zur Monotherapie (mit Etanercept oder Anakinra) zu einer erhöhten Inzidenz schwerwiegender Infektionen und Neutropenien. Die gleichzeitige Behandlung mit Anakinra und Etanercept zeigte keinen verbesserten klinischen Nutzen. Die gleichzeitige Anwendung von Anakinra und Etanercept oder einem anderen TNF-α-Antagonisten wird daher nicht empfohlen.

Cytochrom-P450-Substrate

Die Bildung von CYP450-Enzymen wird durch einen erhöhten Cytokinspiegel (z. B. IL-1) während einer chronischen Entzündung unterdrückt.

Daher wird vermutet, dass sich die Bildung von CYP450-Enzymen unter der Behandlung mit einem IL-1-Rezeptorantagonisten wie Anakinra normalisiert. Von klinischer Relevanz wäre dies vor allem für CYP450-Substrate mit geringer therapeutischer Breite (z. B. Warfarin und Phenytoin). Nach Beginn oder Ende einer Behandlung mit Anakinra sollte bei Patienten, die derartige Arzneimittel einnehmen, eine therapeutische Überwachung der Wirkung bzw. der Konzentration dieser Produkte in Betracht gezogen werden. Möglicherweise muss eine Dosisanpassung des Arzneimittels erfolgen.

Impfstoffe

Bei Anwendung eines Tetanus-/Diphterie-Toxin-Impfstoff wurde bei Anakinra-Patienten kein Unterschied in der anti-Tetanus Antikörperantwort zu der mit Placebo behandelten Gruppe beobachtet. Zu Impfungen mit anderen inaktivierten Antigenen liegen keine Daten vor.

Lebendimpfstoffe sollten nicht gleichzeitig mit Anakinra verabreicht werden, da über deren Wirkung oder über die sekundäre Übertragung einer Infektion keine Daten vorliegen.

Kontraindikation

Anakinra ist kontraindiziert bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff, einen anderen Bestandteil der Injektionslösung oder gegenüber aus E. coli gewonnenen Proteinen.

Bei Patienten mit Neutropenie (ANZ < 1,5 × 109/l) darf keine Behandlung mit Anakinra begonnen werden.

Hinweise

Fertilität, Schwangerschaft, Stillzeit

Schwangerschaft

Bisher liegen nur sehr begrenzte Erfahrungen mit der Anwendung von Anakinra bei Schwangeren vor. Tierexperimentelle Studien ergaben keine Hinweise auf gesundheitsschädliche Wirkungen in Bezug auf eine Reproduktionstoxizität. Aus Gründen der Vorsicht empfiehlt es sich jedoch eine Anwendung von Anakinra während der Schwangerschaft sowie bei Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht verhüten, zu vermeiden.

Stillzeit

Es ist nicht bekannt, ob Anakinra/Metabolite in die Muttermilch übergehen. Ein Risiko für den  Säugling kann nicht ausgeschlossen werden. Daher sollte das Stillen während der Behandlung mit Anakinra unterbrochen werden.

Auswirkungen auf die Verkehrstüchtigkeit und das Bedienen von Maschinen

Nicht zutreffend.

Weitere Details zu diesem Wirkstoff können Sie der jeweiligen Fachinformation entnehmen.

Wirkstoff-Informationen

CAS-Nummer:
143090-92-0
Mittlere Halbwertszeit:
ca. 5.0 H
Q0-Wert:
0.25

Autor: Dr. Daniela Leopoldt (Pharmazeutin)

Stand: 12.10.2018

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