Methylphenidat

Methylphenidat ist ein Wirkstoff der als Psychostimulans zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störungen (ADHS) und auch der Narkolepsie (Schlafsucht) angewendet wird. Der Arzneistoff kam im Jahr 1954 unter dem Namen Ritalin auf den Markt. In Deutschland fällt Methylphenidat unter das Betäubungsmittelgesetz (BtMG).

Inhaltsverzeichnis

Anwendung

Anwendungsgebiete

  • Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störungen (ADHS)
  • Narkolepsie

Darreichungsformen

  • Methylphenidat ist in Form von Retardtabletten, Hartkapseln mit veränderter Wirkstofffreisetzung und als Tabletten auf dem deutschen Markt verfügbar.

Handelsnamen

Pharmakologie

Pharmakodynamik (Wirkung)

  • Methylphenidat ist ein Psychostimulans mit ausgeprägteren Effekten auf zentrale als auch auf motorische Aktivitäten. Der Wirkstoff besitzt zwei Asymmetriezentren und tritt daher in vier Stereoisomeren auf. Die pharmakodynamisch aktive Konfiguration ist die threo-Form. Das D-Isomer ist pharmakologisch aktiver als das L-Isomer.
  • Methylphenidat wirkt durch Freisetzung von Noradrenalin aus intraneuronalen Speichern adrenerger Neurone und Hemmung der Wiederaufnahme indirekt sympathomimetisch.
  • Mit steigender Konzentration im Zentralnervensystem, setzt Methylphenidat auch Dopamin frei und hemmt dessen Wiederaufnahme.
  • Es wird angenommen, dass die Wirkung auf einer Inhibierung der Dopamin-Wiederaufnahme im Striatum zurückzuführen ist, ohne dass eine Freisetzung von Dopamin ausgelöst wird.
  • Der Mechanismus, durch den kognitiven Effekten und Verhaltenseffekten zugrunde liegt, ist nicht eindeutig nachgewiesen.
  • Die zentralstimulierende Wirkung äußert sich unter anderem in einer Steigerung der Konzentrationsfähigkeit, Leistungs- und Entscheidungsbereitschaft, Unterdrückung von Müdigkeit und körperlicher Abgeschlagenheit.

Pharmakokinetik

  • Methylphenidat wird rasch und fast vollständig resorbiert. Durch den ausgeprägten „First-pass"-Metabolismus beträgt die absolute Bioverfügbarkeit 22 ± 8 Prozent für das D-Enantiomer und 5 ± 3 Prozent für das L-Enantiomer.
  • Die Einnahme mit Nahrungsmitteln hat keinen relevanten Einfluss auf die Resorption.
  • Es bestehen beträchtliche inter- und intraindividuelle Variationen der Plasmakonzentration, die jedoch ohne prädiktiven Aussagewert für die therapeutische Wirksamkeit sind.
  • Die relativ kurze Halbwertszeit korreliert gut mit der Wirkdauer von 1 bis 4 Stunden.
  • Im Blut verteilen sich Methylphenidat und seine Metaboliten auf Plasma (57 Prozent) und Erythrozyten (43 Prozent). Die Bindung von Methylphenidat und seinen Metaboliten an Plasmaproteine ist mit 10 bis 33 Prozent gering.
  • Methylphenidat wird schnell und nahezu vollständig durch die Carboxylesterase CES1A1 metabolisiert. Es wird vornehmlich zu Ritalinsäure, die geringe oder gar keine pharmakodynamische Aktivität besitzt, abgebaut.
  • Maximale Plasmaspiegel der Ritalinsäure werden ca. 2 Stunden nach der Einnahme erreicht und sind 30- bis 50-mal höher als die von Methylphenidat.
  • Die Halbwertszeit von Ritalinsäure ist ca. zweimal so lang wie die von Methylphenidat .Dadurch ist eine Akkumulation bei Patienten mit Niereninsuffizienz möglich.
  • Da Ritalinsäure geringe oder gar keine pharmakodynamische Aktivität besitzt, spielt dies therapeutisch eine untergeordnete Rolle.
  • Nur geringe Mengen von hydroxilierten Metaboliten (z.B. Hydroxymethylphenidat und Hydroxyritalinsäure) sind nachweisbar. Die therapeutische Aktivität scheint hauptsächlich auf Methylphenidat beschränkt zu sein.
  • Methylphenidat wird aus dem Plasma mit einer durchschnittlichen Halbwertszeit von 2 Stunden eliminiert
  • Nach der oralen Gabe werden innerhalb von 48 bis 96 Stunden 78-97% der Dosis im Urin und 1 bis 3 Prozent in den Fäzes in Form von Metaboliten ausgeschieden.
  • Es gibt anscheinend keine Unterschiede in der Pharmakokinetik zwischen Kindern und gesunden erwachsenen Probanden.

Nebenwirkungen

Zu den sehr häufig (≥ 1/10) auftretenden Nebenwirkungen zählen:

  • Appetitverlust
  • Schlaflosigkeit, Nervosität
  • Konzentrationsmangel und Geräuschempfindlichkeit (bei Erwachsenen mit Narkolepsie)
  • Kopfschmerzen
  • Übelkeit, Mundtrockenheit
  • Schwitzen

Zu den häufig (≥ 1/100 bis < 1/10) auftretenden Nebenwirkungen zählen:

  • Anorexie, mäßige Verminderung der Gewichtszunahme und des Längenwachstums bei längerer Anwendung bei Kindern
  • Abnormes Verhalten
  • Aggression
  • Affektlabilität
  • Erregung
  • Anorexie
  • Ängstlichkeit, Depression, Reizbarkeit, Ruhelosigkeit
  • Schlafstörungen, Libidoabnahme, Panikattacken
  • Stress
  • Tremor
  • Somnolenz
  • Schwindelgefühl
  • Dyskinesie
  • Psychomotorische Hyperaktivität
  • Tachykardie, Palpitationen, Arrhythmien
  • Hypertonie, periphere Kälte
  • Bauchschmerzen, Magenbeschwerden, Erbrechen, Dyspepsie, Zahnschmerzen, Diarrhö (diese Erscheinungen treten normalerweise zu Behandlungsbeginn auf und können sich durch begleitende Nahrungsaufnahme lindern lassen)
  • Hyperhidrose, Alopezie, Pruritus, Rash, Urtikaria
  • Arthralgien
  • Husten, Rachen- und Kehlkopfschmerzen, Dyspnoe
  • Fieber, innere Unruhe, Müdigkeit, Durst
  • Änderung des Blutdrucks und der Herzfrequenz (üblicherweise eine Erhöhung), Gewichtsverlust

Wechselwirkungen

  • Antikoagulanzien vom Cumarin-Typ, Antikonvulsiva (z.B. Phenobarbital, Phenytoin, Primidon) sowie trizyklische Antidepressiva und selektive Serotonin-Wiederaufnahme Inhibitoren ► Metabolismus dieser Verbindungen kann möglicherweise gehemmet werden.
  • Blutdrucksenkende Medikamente ► Methylphenidat kann die antihypertensive Wirkung von Arzneimitteln zur Behandlung von Bluthochdruck abschwächen.
  • Blutdruckerhöhende Medikamente   
  • MAO-Hemmer ► Risiko einer möglichen hypertensiven Krise
  • Alkohol ► ZNS-Nebenwirkungen können verstärkt werden
  • Narkotika ► Während einer Operation besteht das Risiko einer plötzlichen Erhöhung des Blutdrucks und der Herzfrequenz. Wenn eine Operation geplant ist, sollte Ritalin nicht am Tag der Operation angewendet werden.
  • Zentral wirksame alpha-2-Agonisten (z.B. Clonidin) oder andere zentral wirksame alpha-2-Agonisten wurde nicht systematisch untersucht.
  • Direkte und indirekten Dopaminagonisten (einschließlich DOPA und trizyklische Antidepressiva) oder Dopaminantagonisten (einschließlich Antipsychotika) pharmakodynamische Wechselwirkungen möglich.
  • Antazida es ist mit einer erheblich verschlechterten Resorption von Methylphenidat zu rechnen.

Kontraindikation

  • Bekannte Überempfindlichkeit gegen Methylphenidat
  • Glaukom
  • Phäochromozytom
  • Während der Behandlung mit nichtselektiven, irreversiblen Monoaminoxidasehemmern (MAO-Hemmern) oder innerhalb von mindestens 14 Tagen nach Absetzen solcher Substanzen, da dann das Risiko einer hypertensiven Krise besteht
  • Hyperthyreose oder Thyreotoxikose
  • Diagnose oder Anamnese von schwerer Depression, Anorexia nervosa/anorektischen Störungen, Suizidneigung, psychotischen Symptomen, schweren affektiven Störungen, Manie, Schizophrenie, psychopathischen/Borderline-Persönlichkeitsstörungen
  • Diagnose oder Anamnese von schweren und episodischen (Typ 1) bipolaren affektiven Störungen (die nicht gut kontrolliert sind)
  • Vorbestehende Herz-Kreislauferkrankungen einschließlich schwerer Hypertonie, Herzinsuffizienz, arterieller Verschlusskrankheit, Angina pectoris, hämodynamisch signifikanter, angeborener Herzfehler, Kardiomyopathien, Myokardinfarkt, potentiell lebensbedrohender Arrhythmien und Kanalopathien (Erkrankungen, die aufgrund von Dysfunktionen der Ionenkanäle verursacht wurden)
  • Vorbestehende zerebrovaskuläre Erkrankungen, wie zum Beispiel zerebrale Aneurysmen, Gefäßabnormalitäten einschließlich Vaskulitis oder Schlaganfall

Schwangerschaft/Stillzeit

Schwangerschaft

  • Es liegt eine begrenzte Anzahl von Daten für die Verwendung von Methylphenidat bei Schwangeren vor. Es liegen Spontanberichte von kardiorespiratorischer Toxizität bei Neugeborenen vor, insbesondere wurde von fetaler Tachykardie und Atemnot berichtet.
  • Methylphenidat sollte nicht während der Schwangerschaft angewendet werden, es sei denn, es ist klinisch entschieden, dass eine Verschiebung der Behandlung ein größeres Risiko für die Schwangerschaft bedeutet.

Stillzeit

  • Methylphenidat kann in die Muttermilch übergehen.Ein Risiko für das gestillte Kind kann nicht ausgeschlossen werden.
  • Aus Sicherheitsgründen muss eine Entscheidung getroffen werden, ob abgestillt oder die Behandlung unterbrochen oder abgesetzt werden soll, wobei der Nutzen des Stillens für das Kind und der Nutzen der Therapie für die stillende Mutter gegeneinander abgewogen werden müssen.

Hinweise

Herz-Kreislauf-Status

  • Bei Patienten, für die eine Behandlung mit Stimulanzien in Betracht kommt, sollte eine sorgfältige Anamnese erhoben werden (einschließlich Beurteilung der Familienanamnese auf plötzlichen Herztod oder unerwarteten Tod bzw. maligne Arrhythmien) und eine körperliche Untersuchung auf bestehende Herzerkrankungen durchgeführt werden.
  • Der Herz-Kreislauf-Status sollte sorgfältig überwacht werden. Bei jeder Dosisanpassung, bei klinischem Bedarf und dann mindestens alle 6 Monate muss der Blutdruck und die Herzfrequenz in grafischer Darstellung dokumentiert werden

Krampfanfälle

  • Methylphenidat darf nur mit Vorsicht bei Patienten mit Epilepsie angewendet werden, da der Wirkstoff die Krampfschwelle senken kann
  • Auswahl der Methylphenidat-Darreichungsform
  • Der behandelnde Spezialist muss auf individueller Basis und je nach gewünschter Wirkungsdauer entscheiden, welche methylphenidathaltige Darreichungsform ausgewählt wird.

Drogenscreening

  • Methylphenidathaltige Arzneimittel können zu einem falsch positiven Laborwert für Amphetamine führen, insbesondere bei Verwendung von Immunoassay-Methoden.

Wirkstoff-Informationen

CAS-Nummer:
20748-11-2
Molare Masse:
233.31 g·mol-1
Mittlere Halbwertszeit:
ca. 2.0 H
Q0-Wert:
0.95
Kindstoff(e):
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