Herzglykoside

Unter der Gruppe der Herzglykoside sind zahlreiche Verbindungen meist pflanzlicher Herkunft zusammengefasst, die vor allem eine positiv inotrope und bradykarde Wirkung auf das Herz ausüben. Praxisrelevant sind heutzutage nur noch das von Digitalis purpurea (Roter Fingerhut) und von Digitalis lanata (Wolliger Fingerhut) stammende Digitoxin und Digoxin sowie ihre Derivate.

Synonyme

Herzwirksame Glykoside

Anwendung

Roter Fingerhut

Herzglykoside werden zur Therapie der chronischen Herzinsuffizienz und bei Tachyarrhythmien eingesetzt.

Ein Nachteil aller Herzglykoside ist die geringe therapeutische Breite und ein daraus resultierendes hohes Vergiftungspotential. Sie müssen daher sehr sorgfältig dosiert und kontrolliert werden. Bei ersten Anzeichen einer Vergiftung (z. B. Herzrhythmusstörungen, gastrointestinalen und/oder neurotoxischen Störungen) sollten Herzglykoside abgesetzt werden. Aktivkohle, Anionenaustauscher (z. B. Colestyramin) oder spezifische Antikörper können eingesetzt werden, um das entsprechende Herzglykosid zu binden und im Fall von Digitoxin den enterohepatischen Kreislauf zu unterbrechen.

Wirkung

Kardiale Wirkungen

Bei herzinsuffizienten Patienten bewirken Herzglykoside eine Verbesserung der Symptomatik durch Steigerung der Schlagkraft und des Herzminutenvolumens. Die für den reflektorisch erhöhten Sympathikotonus verantwortlichen Stimuli werden durch die erhöhte Pumpleistung eliminiert. Es resultiert eine Senkung der Herzfrequenz sowie eine Verminderung des Tonus der Widerstands- und Kapazitätsgefäße. Die Folgen davon sind eine verringerte Vor- und Nachlast sowie eine Verringerung der Herzgröße und des myokardialen Sauerstoffverbrauchs. Durch eine verbesserte Durchblutung der Nieren kommt es zu einer Reduktion der Reninproduktion. Die resultierende Ödemausschwemmung bewirkt eine weitere Senkung der Vorlast.

Extrakardiale Wirkungen

Zu den extrakardialen Wirkungen zählt die Hemmung der Na+-K+-ATPase. Dadurch wirken Herzglykoside auch an anderen erregbaren Geweben depolarisierend. Bereits bei geringen therapeutischen Dosen führen sie zu einem erhöhten Tonus des Parasympathikus und einem erniedrigten Tonus des Sympathikus.

Eine Erregung der Vaguskerne führt zu Frequenzabnahme, verlängerter AV-Überleitungszeit und Begünstigung von Vorhofflattern und Vorhofflimmern.

Unterschiede zwischen Digoxin und Digitoxin

Aufgrund der unterschiedlichen pharmakokinetischen Eigenschaften der Digitalisglykoside unterscheiden sich Digoxin und Digitoxin in ihrer enteralen Resorption, Plasmaeiweißbindung und Biotransformation. Vorteile von Digitoxin sind seine konstante Bioverfügbarkeit und die weitgehende Unabhängigkeit von der Nierenfunktion. Digitoxin unterliegt teilweise einem enterohepatischen Kreislauf, der zusammen mit der hohen Plasmaeiweißbindung zu dessen langer Verweildauer im Organismus beiträgt. Digoxin dagegen wird zu großen Teilen unverändert über die Nieren ausgeschieden und hat eine geringere Halbwertzeit.

Es ist zu beachten, dass sich das Wirkungsmuster der Herzglykoside bei Patienten mit Herzinsuffizienz von dem Herzgesunder (Vergiftungsfälle) unterscheidet. Hier kommt es in den meisten Fällen zu supraventrikulären Herzrhythmusstörungen (extreme Bradykardie, Vorhofflimmern und AV-Überleitungsstörungen).

Nebenwirkungen

Unter der Therapie mit Herzglykosiden können folgende Nebenwirkungen auftreten:

  • Herzrhythmusstörungen
  • Gastrointestinale Störungen (z. B. Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe)
  • Neurotoxische Reaktionen (Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen)
  • Halluzinationen
  • Störungen des Sehsinns
  • Gynäkomastie
  • Muskelschwäche.

Wechselwirkungen

Es gibt Wechselwirkungen mit zahlreichen Medikamenten, die bei einer Therapie mit Herzglykosiden berücksichtigt werden müssen.

  • Einige Diuretika (Thiazide und Schleifendiuretika) erhöhen die Gefahr einer Hypokaliämie und dadurch das Intoxikationsrisiko durch Herzglykoside, da deren positiv inotrope Wirkung bei einer Hypokaliämie verstärkt wird.
  • Kaliumspiegelerhöhende Arzneimittel (z. B. Spironolacton, Triamteren und Kaliumsalze) vermindern die positiv inotrope Wirkung und begünstigen Herzrhythmusstörungen.
  • Digitalisglykoside sind Substrate von CYP3A und p-Glykoprotein. Induktoren oder Hemmstoffe von CYP3A und/oder p-Glykoprotein verändern folglich den Plasmaspiegel dieser Herzglykoside. So erhöhen z. B. Chinidin, Verapamil, Makrolidantibiotika, Tetracycline und Ciclosporin den Plasmaspiegel während Rifampicin, Phenytoin, Barbiturate und Johanniskraut den Plasmaspiegel senken.
  • Colestyramin und Antazida verringern die Resorption von Herzglykosiden.
  • Betablocker verstärken die bradykardisierende Wirkung.
  • Muskelrelaxantien, trizyklische Antidepressiva, Sympathomimetika und Phosphodiesterasehemmer können die Entstehung von Herzrhythmusstörungen begünstigen.

Kontraindikation

Im Folgenden sind die Kontraindikationen der Herzglykoside aufgeführt:

  • Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff oder anderen herzwirksamen Glykosiden
  • Verdacht auf Digitalisintoxikation
  • Ventrikuläre Tachyarrhythmien
  • AV-Block II. und III. Grades
  • Hypokaliämie
  • Hyperkalzämie (synergistischer Effekt von Kalzium und Herzglykosiden)
  • Hypomagnesiämie
  • Frischer Myokardinfarkt
  • Hypertrophe obstruktive Kardiomyopathie
  • Gleichzeitige Injektion von Kalzium.

Vollständige Vorsichtsmaßnahmen finden sich in den Fachinformationen der jeweiligen Präparate.

Alternativen

Je nach individuellen Gegebenheiten können zur medikamentösen Therapie der Herzinsuffizienz z. B. auch folgende Medikamente eingesetzt werden:

Wirkstoffe

Neben den therapeutisch relevanten Digitalisglykosiden Digoxin und Digitoxin zählen zu den Herzglykosiden unter anderem:

Digitalisglykoside

Scillaglykoside

Strophantusglykoside

  • g-Strophantin
  • Cymarin
  • k-Strophantin.

Hinweise

Da Hypokaliämie, Hyperkalziämie und Hypomagnesiämie die Digitaliswirkung verstärken und die Gefahr einer abnormen durch Digitalis ausgelösten Automatie erhöhen, müssen die Serumspiegel dieser Elektrolyte bei einer Digitalistherapie engmaschig kontrolliert werden.

Für die Behandlung einer Vergiftung mit Herzglykosiden ist eine frühzeitige Diagnose entscheidend. Bei leichten Rhythmusstörungen reicht meist das temporäre Absetzen des Präparates. Starke Rhythmusstörungen mit hohen Frequenzen und extremer Bradykardie bei der die Auswurfleistung des Herzens herabgesetzt wird, erfordern ein aktives therapeutisches Vorgehen.
 

Autor: Dr. Daniela Leopoldt (Pharmazeutin)

Stand: 03.01.2019

Quelle:
  1. Aktories K. et al., Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. 2017, 12. Auflage
     
  2. Nationale VersorgungsLeitlinie Chronische Herzinsuffizienz Kurzfassung, 2. Auflage, Version 2. 2017
     
  3. Arzneimittel Fachinformationen
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