Hormonelle Kontrazeptiva

Kontrazeptiva gehören bis auf wenige Ausnahmen zur Gruppe der Östrogen-Gestagen-Kombinationen. Sie zählen zu den zuverlässigsten reversiblen Methoden der Empfängnisverhütung. Seit ihrer Einführung wurden sie kontinuierlich weiterentwickelt, um das Nebenwirkungsrisiko zu senken.

Inhaltsverzeichnis

Synonyme

hormonale Kontrazeptiva

Anwendung

Pille für die Frau

Hormonelle Kontrazeptiva variieren in ihrer Zusammensetzung, Dosierung und Applikationsweise. Sie weisen deshalb unterschiedliche Partialwirkungen, Nebenwirkungen und Risiken auf. Durch die große Zahl der zur Verfügung stehenden Präparate, ist es möglich eine individuelle Auswahl zu treffen. Diese orientiert sich an den Prioritäten der Frau hinsichtlich Effektivität und Zykluskontrolle, aber auch den Nebenwirkungen, Risiken und möglicherweise präventiven Zielen. Kontrazeptiva werden zumeist oral eingesetzt, es gibt aber auch vaginale hormonelle Kontrazeptiva. Einen Sonderfall stellt die Notfallkontrazeption dar.

Kombinierten orale Kontrazeptiva

Die meisten Präprate werden täglich über 21 Tage eingenommen, danach folgt eine 7tägige Einnahmepause, während dieser erfolgt eine Hormonentzugsblutung. Als Estrogen ist in der Regel Ethinylestradiol in den Präparaten enthalten, ein Präparat enthält auch Estradiolvalerat. Die Gestagenkomponente der verschiedenen Präparate ist unterschiedlich. Zur Vermeidung schwerwiegender Nebenwirkungen, wie beispielsweise thromboembolische Ereignisse, werden niedrig dosierte Präparate (Mikropillen) mit 15 bis 35 µg Ethinylestradiol oder eine Kombination mit Estradiolvalerat verordnet.

Gestagenmonopräparate

Neben den kombinierten oralen Kontrazeptiva finden auch Gestagenmonopräparate Anwendung in der hormonellen Kontrazeption, dabei handelt es sich um Gestagen-Intrauterinpessare und langwirksame, injizier- oder implantierbare Gestagenmonopräparate. Sie enthalten Medroxyprogesteronacetat, Noristhisteronenantat oder Etonogestrel und besitzen gleichfalls eine hohe kontrazeptive Effektivität. Dadurch dass sie keine Estrogenkomponente besitzen, ist der Einfluss auf das Gerinnungssystem und damit das Thromboserisiko geringer. Besonders zu Beginn der Behandlung kann es aber öfter zu Schmierblutungen kommen.

In der Notfallkontrazeption kommt neben dem selektiven Progesteronrezeptorantagonisten Ulipristal das reine Gestagen Levonorgestrel  zum Einsatz. Die anderen oral angewandten Gestagenmonopräparate besitzen andere Indikationsgebiete, wie Endometriose, klimaktierische und sonstige ovarielle Dysfunktionen.

Wirkung

Hormonelle Kontrazeptiva supprimieren als Ovulationshemmer in erster Linie die Ausschüttung des Gonadotropin-Releasinghormons und der hypophysären Gonadotropine. Sie hemmen so das Follikelwachstum, die Ovulation und die Gelbkörperbildung. Die Proliferation des Endometriums wird durch die Gestagenkomponente der meisten oralen Kontrazeptiva vermindert. Die Spermienaszension wird durch die Gestagenkomponente durch eine Viskositätserhöhung des Zervixschleims gehemmt. 

Nebenwirkungen

Hormonelle Kontrazeptiva beeinflussen den gesamten Organismus. Ihre Wirkungen können deshalb teilweise therapeutisch genutzt werden.

Unter der Anwendung hormoneller Kontrazeptiva kann es zu Gewichtszunahme, Ödemen, Übelkeit und Erbrechen kommen, mitunter kommt es zu einem deutlichen Blutdruckanstieg.

Hormonelle Kontrazeptiva bergen das Risiko thromboembolischer Zwischenfälle, wobei eine Reduktion der Östrogenkomponente in den neueren Präparaten auch zu einem Rückgang thromboembolischer Zwischenfälle führte. Orale Kontrazeptiva der dritten Generation (Desogestrel, Gestoden) weisen laut dem Arzneiverordnungsreport 2018 ein 1,7 fach erhöhtes Thromboserisiko im Vergleich zu Kontrazeptiva der zweiten Generation auf. Auch für Drospirenon wird ein erhöhtes thromboembolisches Risiko beschrieben.

Das Risiko für Mammakarzinome und Zervixkarzinome wird durch eine hormonelle Kontrazeption erhöht, wohingegen das Risiko für Endometrium- und Ovarialkarzinome vermindert ist.

Anfang 2019 wurde für alle hormonellen Kontrazeptiva ein neuer Warnhinweis zur Suizidalität als mögliche Folge einer Depression unter der Anwendung hormoneller Kontrazeptiva in den Produktinformationen eingeführt.

Wechselwirkungen

Diverse Wirkstoffgruppen und Wirkstoffe wie Antibiotika, Barbiturate, Rifampicin oder Antiepileptika können die Wirkung der hormonellen Kontrazeptiva aufheben.

Kontraindikation

Absolute Kontraindikationen

  • akute und progrediente Lebererkrankung
  • thromboembolische Erkrankungen
  • Mammakarzinom
  • schwer einstellbare arterielle Hypertonie
  • hormonabhängiger maligner Tumor
  • schwerer Icterus gravidarum, Pruritus gravidarum oder Herpes gestationis in der Anamnese
  • Otosklerose mit Verschlechterung in vorangegangenen Schwangerschaften
  • Störung der Gallensekretion
  • Sichelzellenanämie
  • schwer einstellbare Hypertriglyceridämie
  • Diabetes mellitus mit Gefäßschäden
  • ungeklärte uterine Blutungen
  • Migräne mit Aura oder Migräne ohne Aura bei Patientinnen, die älter als 35 Jahre sind
  • Schwangerschaft

Relative Kontraindikationen

  • Nikotinkonsum (Frauen > 30 Jahre)
  • arterielle Hypertonie
  • Diabetes mellitus
  • Operationen mit erhöhtem Thromboembolie-Risiko
  • längerfristige Immobilisation
  • Myoma uteri
  • Endometrium- oder Zervixkarzinom
  • Porphyrie
  • Gallenblasenerkrankung
  • Niereninsuffizienz
  • Herzinsuffizienz
  • Fettstoffwechselstörung
  • vorausgegangene oder bestehende Thrombophlebitiden
  • Raynaud-Syndrom
  • periphere Durchblutungsstörungen
  • Ödeme

Alternativen

Neben der hormonellen Kontrazeption gibt es noch verschiedene Möglichkeiten einer Empfägnisverhütung, wie die Nutzung von Kondomen, chemischer Verhütungsmittel oder die Berechnung fruchtbarer oder unfruchtbarer Tage. Alle diese Methoden sind allerdings deutlich weinger zuverlässig als die Nutzung einer hormonellen Kontrazeption  und weisen einen höheren Pearl-Index als hormonelle Kontrazeptiva auf.

Der Pearl-Index ist nach dem amerikanischen Wissenschaftler Raymond Pearl benannt. Er ist das Beurteilungsmaß für die Sicherheit von Verhütungsmitteln. Je kleiner der Pearl-Index, desto sicherer die Verhütungsmethode. Wenden 100 Frauen ein Jahr lang das gleiche Verhütungsmittel an und treten in diesem Zeitraum drei Schwangerschaften auf, so beträgt der Pearl-Index 3. Ein Pearl Index von 0,1 besagt, dass eine von 1000 Frauen, die ein Jahr lang das gleiche Verhütungsmittel anwenden, schwanger wird.

Die Angaben in der Literatur sind aber sehr unterschiedlich, mitunter werden auch Anwendungsfehler in den Pearl-Index einbezogen. Herstellerstudien geben oftmals den Pearl-Index an. Die Angaben zum Pearl-Index, die auch in der Leitlinie zur hormonellen Kontrazeption aufgeführt sind, sind daher nur einen Anhaltspunkt.

Wirkstoffe

Kombinierten orale Kontrazeptiva

Bei den kombinierten oralen Kontrazeptiva werden die Gestagene Levonorgestrel, Desogestrel, Chlormadinonacetat, Dienogest und Nomegestrol werden gemeinsam mit Östrogenen wie Estradiol und Ethinylestradiol eingesetzt.

Gestagenmonopräparate

Unter den Gestagenmonopräparaten finden sich ein Depotpräparat sowie 4 orale Gestagenmonopräparate, die zur Kontrazeption eingesetzt werden.

Medroxyprogesteron wird als Depotgestagen zur Schwangerschaftsverhütung von längerer Dauer (3 Monate) bei Frauen eingesetzt, die andere Methoden der Kontrazeption nicht vertragen oder für die orale Kontrazeptiva nicht geeignet sind.

Oral eingesetzte Gestagenmonopräparate zur hormonellen Kontrazeption enthalten den Wirkstoff Dienogest. In der Notfallkontrazeption kommt neben dem selektiven Progesteronrezeptorantagonisten Ulipristal das reine Gestagen Levonorgestrel zum Einsatz.

Autor: Ellen Reifferscheid (Apothekerin)

Stand: 24.01.2019

Quelle:

Steinhilber, Schubert, Zsilavecz, Roth "Medizinische Chemie", 2. Auflage 2010

AkDÄ "Arzneiverordnungen", 22. Auflage 2009

Schwabe, Paffrath, Ludwig, Klauber "Arzneiverordnungsreport 2018"

Wiegratz I, Thaler CJ: Hormonal contraception: what kind, when, and for whom? Dtsch Arztebl Int 2011; 108(28–29): 495–506. DOI: 10.3238/arztebl.2011.0495

 

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